Dracula und die Nicolae-Saga
In meinem letzten Blogbeitrag hatte ich Ihnen den österreichischen Fotografen und Autor Gerald Axelrod und seinen neu veröffentlichten Bestseller "Transsylvanien - Im Reich von Dracula" vorgestellt. Ich habe ihn im Rahmen meiner Recherchen zur Nicolae-Saga kennen und schätzen gelernt.
Wir beide beleuchten, jeder auf seine Weise, nicht nur die historische Seite des walachischen Fürsten Vlad III. - auch als Tepes (der Pfähler) bekannt sowie Romanvorlage für Bram Stokers Schauerroman "Dracula". Sondern berücksichtigen ebenfalls folkloristische Überlieferungen, um ein möglichst ganzheitliches Bild zu erhalten.
Der Legenden um den berühmt-berüchtigten Fürsten der Walachen gibt es viele und in zig Varianten, die ihn jedes Mal in einem anderen Licht erscheinen lassen. Welchen soll man Glauben schenken? Dazu musste ich tief in die Geschichte Rumäniens eintauchen, bis ins 15. Jahrhundert und davor, und mich gleichzeitig mit der europäischen Geschichte befassen. Denn um eine Persönlichkeit einer anderen Epoche zu begreifen, muss man zunächst den historischen Kontext ermitteln, in dem sie gelebt hat. Damals wie heute sind Menschen diversen Strömungen und "Zeitgeistern" ausgesetzt, die sie in ihrem Denken und Tun prägen.
Was das gemeine Volk über Vlad Tepes zu berichten wusste und von Generation zu Generation weitergab, steht auf einem ganz anderen Blatt. Ist aber ebenso wichtig. Denn historische Fakten sind nur so zuverlässig wie ihre Quellen - bzw. deren Auftraggeber! Von daher ist ein ganzheitlicher Ansatz die beste Möglichkeit, der Wahrheit - so es sie überhaupt gibt - möglichst nahe zu kommen. Schließlich ist fast alles eine Sache der Sichtweise und Interpretation.
Gerald Axelrod geht der Legendenbildung um Vlad Tepes und der Entstehung des Vampirglaubens auf den Grund und untersucht die Quellen, die Bram Stoker zu seinen Schauerroman inspiriert haben. Dazu hat er sich in Rumänien auf Spurensuche begeben und die Wirkungsorte des Fürsten mystisch in Szene gesetzt.
Insofern war das Fotobuch "Transsylvanien - Im Reich von Dracula" ein Glücksfall für meine Recherchen zur Nicolae-Saga, vor allem das Quellenverzeichnis. So konnte ich wunderbar abgleichen und kontroverse Sichtweisen analysieren. Mir ging es darum, der historischen Persönlichkeit Vlad III. in meiner Darstellung so gerecht wie möglich zu werden.
Was hat der Schauerroman mit meiner Familiensaga zu tun?
Auf den ersten Blick nicht viel. Denn ...
- "Dracula" ist ein Gruselroman - "Die Nicolae-Saga" eine historische 7-bändige Familiengeschichte.
- "Dracula" wurde Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben - "Die Nicolae-Saga" von 2005 bis 2019.
- Bram Stoker verwendet den mittelalterlichen Fürsten der Walachei als Titel- und Hauptfigur - ich nutze ihn im Hintergrund, einerseits um die rumänische Geschichte aufzurollen und die daraus resultierende Situation im 19. Jh. verständlich zu machen, andererseits um das Thema Erblast und vererbte Erinnerungen zu verdeutlichen.
- Was in "Dracula" plakativ darstellt wird, um einen Gruseleffekt zu erzielen, ist in der Nicolae-Saga nur angedeutet oder zwischen den Zeilen versteckt, um eigene Bilder beim Leser zu erzeugen.
- "Dracula" wurde durch die Verfilmungen in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts ein Mega-Erfolg - "Die Nicolae-Saga" wartet noch auf ihre Entdeckung. ;-)
Auf den zweiten Blick sehr viel. Denn ...
- Beide Romane tragen sich im viktorianischen England und in Rumänien des 19. Jahrhunderts zu.
- Beide Romane "missbrauchen" Vlad Tepes als Romanfigur - wenn auch meinerseits mit ehrwürdigen Absichten und dem Fokus auf die historische Persönlichkeit.
- Beide Romane enthalten phantastische Elemente, die denselben Sagen und Legenden entspringen.
- Vor allem - so viel sei verraten - erhält Bram Stoker höchstpersönlich einen Auftritt in Band 6 "Aus dem Schatten", in dem sein Schauerroman zum Stein des Anstoßes bei meiner Romanfamilie wird und für allerlei Aufregung sorgt.
Schauerliteratur in der Nicolae-Saga
Viktorianische Schauerromane (Gothic Novels) spielen nicht von ungefähr eine Rolle in der Nicolae-Saga. Als junge Frau habe ich sie verschlungen. Daher haben sie mich gewissermaßen zu meiner Romanserie inspiriert und erheblich zum Epochenbild beigetragen. Denn die Gattung erlebte im 19. Jahrhundert in England seine Blütezeit. Dabei handelt es sich quasi um eine Gegenbewegung zum damals sich ausbreitenden Realismus. Die fortschreitende Technisierung und Wissenschaftsgläubigkeit rief diverse spiritistische Gruppen und okkulte Geheimgesellschaften hervor, da die Kirche immer mehr an Bedeutung verlor.
All diese berühmten Werke finden in der Nicolae-Saga Erwähnung oder sind sogar Bestandteil ganzer Passagen.
- Mary Shelleys "Frankenstein or The Modern Prometheus" (1818)
- John William Polidoris "The Vampyre" (1819)
- Wilkie Collins "Die Frau in Weiß" (1859/60)
- Robert Louis Stevensons "Der seltsame Fall des Dr Jekyll and Mr Hyde" (1886)
- Bram Stokers "Dracula" (1897)
"Frankenstein" enthält eigentlich keine typischen Schauerelemente, sieht man von der mordenden Kreatur einmal ab. Eher ist der Roman dem Genre Science-Fiction (aus damaliger Warte!) zuzuordnen. Ein Schauermärchen hat erst die Filmindustrie daraus gemacht. Hier stehen sich vielmehr Naturwissenschaften und Geheimwissenschaften gegenüber, basierend auf einer mythologischen Schöpfungsgeschichte - darum der Untertitel: Oder der moderne Prometheus.
Was darf Wissenschaft? Wo sind die Grenzen? Und sind Unsterblichkeit oder die Erschaffung eines künstlichen Menschen überhaupt erstrebenswerte Ziele? Über diese ethischen Themen lasse ich zwei meiner Romanfiguren in Band 2 der Nicolae-Saga "Hinter den Pforten" diskutieren.
"The Vampyre" gerät sogar zum bedeutenden Bestandteil in Band 6 "Aus dem Schatten". Polidoris Novelle wird von Nicolae und seinen Oxforder Kommilitonen als Theaterstück inszeniert. Cover und Titel spielen darauf an.
"The Vampyre" gilt als erste Vampirgeschichte der Weltliteratur und leitet somit das Thema ein. Der deutsche Komponist Heinrich Marschner bringt das Stück 1828 als Oper auf die Bühne. Zu der Zeit erlebt die Schwarze Romantik (Vorläufer von Schauerliteratur und Mystery Thriller) ihren Höhepunkt.
Sowohl "Frankenstein" als auch "The Vampyre" entstehen 1816 in einer Gewitternacht in einer Villa am Genfer See - mit von der Partie ist der berühmte Dichters Lord Byron.
"Dracula" bildet im selben Band der Nicolae-Saga den Höhe- und Wendepunkt. Nicolae, der sich in Literatur- und Theaterkreisen bewegt, begegnet auch Bram Stoker, der damals in London als Theatermanager und rechte Hand des berühmten Shakespeares-Darstellers Henry Irving tätig ist und sich zudem in okkulten Kreisen bewegt. Als sein Roman "Dracula" herauskommt, herrscht Aufruhr bei meiner Romanfamilie. Denn der Roman enthält ungeheuerliche Anspielungen, die Nicolae und seine Familie in Gefahr bringen. Es kommt zur Konfrontation mit Bram Stoker, der Gast des Hauses ist und in einem Kreuzfeuer Rede und Antwort bezüglich seiner Quellen stehen muss.
Aktualität
Vor Kurzem habe ich "Frankenstein" auf der Bühne des Hamburger Ernst-Deutsch-Theaters gesehen. "Frankenstein - Die weiße Finsternis" hält sich eng an Mary Shelleys Romanvorlage und zeigt deutlich auf, dass die Diskussion zu dem Thema in Zeiten von KI aktueller ist als je zuvor. Eine großartige Inszenierung. Im Juni gibt es noch vereinzelte Aufführungen!
Auch hatte ich das Glück, Marschners Oper "The Vampyre" in der Hamburger Kammeroper zu sehen. Zur Recherche gehört für mich nicht nur, die klassischen Vorlagen - nach Möglichkeit im Original - zu lesen, sondern auch zeitgenössische Inszenierungen und damit Interpretationen zu sehen, die einen Bogen zu unserer Wirklichkeit schlagen.
Ich bin immer wieder davon fasziniert, wie relevant der ursprüngliche Stoff auch heute noch ist. Und wie die immerwährenden Fragen, Träume und Ängste der Menschheit damals wie heute in den unterschiedlichen Werken behandelt werden. Das erklärt, warum diese zu Recht zur Weltliteratur gehören.
![Aurelia L. Porter [Official Author Website]](https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/dimension=582x10000:format=png/path/s8f9586d8de03882a/image/i8310c7ba198099a1/version/1458925724/image.png)