Leseproben


Band 1 - Teil III Kapitel 2: Die Ankunft (Seite 196 bis 197)

 

Von wabernden Nebelschleiern empfangen, wurden sie geräuschlos in die Tiefen des Waldes gezogen. Das Donnern des fernen Falles drang nur noch schwach an ihr Gehör und wurde schon bald von der beklemmenden Stille gänzlich überlagert. Es schien, als hätten selbst die Pferde das Atmen eingestellt; kein Schnauben war zu hören, kein Ächzen der Achsen, kein Knarren der Kutschräder, nicht einmal der dumpfe Hufschlag auf waldigem Boden.

»Mummy«, flüsterte Nicholas atemlos, während er seinen Blick gebannt aus dem Kutschfenster richtete, »dies ist der Wald, von dem ich immer wieder träume.«

Er war so sehr mit andächtigem Staunen beschäftigt, dass er nicht bemerkte, wie sie erschauerte.

 

Auf verschlungenen Pfaden fuhren sie dahin; kein Licht war zu sehen, kein Laut zu hören, rein gar nichts, das ihren Sinnen Orientierung geboten hätte, nur das bloße Sein, ohne Zeit und Raum, als hätte das Nichts sie bereits verschluckt.

 

Nach einer nicht fassbaren Weile tat sich eine Lichtung vor ihnen auf. Ihr Blick fiel auf einen zerklüfteten Felsvorsprung, der im Schatten einer massiven Gebirgswand lag. Am Fuße des Vorsprungs erstreckte sich eine Ebene, die eine überwältigende Aussicht auf die dahinterliegenden Gebirgsketten freigab. Alles war in das feurige Licht der untergehenden Sonne getaucht.

 

Es brauchte einen Moment, bis sich ihre Augen an das gleißende Licht gewöhnten. Sodann wurde ihr Blick von der davorliegenden Silhouette angezogen. Auf dem Plateau des Felsvorsprunges thronte ein von Türmen und Zinnen gekröntes Schloss, dessen dunkles Gemäuer sich im Laufe der Jahrhunderte völlig an seine Umgebung angepasst hatte. Es schien, als wäre es einst auf ganz natürliche Weise aus dem Felsen gewachsen. Sein majestätischer Anblick zog sie umgehend in seinen Bann. Das Schloss des Grafen war von solch altehrwürdiger Erhabenheit und die Landschaft, die es umgab, von solch gewaltiger Ursprünglichkeit, dass es keinerlei Vergleiche zuließ.

»Wir sind am Ziel«, hauchte Nicholas voller Ehrfurcht.

 


Teil IV Kapitel 1: Im Schloss (Seite 217)

 

»Hast du genug der alten Dinge gesehen, Nicholas?«

Verwirrt blickte er sich zum Grafen um, der bei der Tür stehen geblieben war.

»Ich denke, du hast genug gesehen für heute«, entschied dieser. »Du wirkst ermüdet, mein junger Freund.«

Folgsam  wandte sich Nicholas von der Vitrine ab und ergriff die ihm dargebotene Hand. Ein schmerzhafter Knoten bildete sich in seinem Hals. Warum nur war ihm plötzlich nach Weinen zumute?

»Die Schatten der Vergangenheit reichen bis in die Gegenwart«, sagte Graf da Laruc wie als Antwort auf Nicholas’ Gemütszustand. »Sie zwingen uns immer wieder, sich ihr zu stellen. Es gibt kein Entrinnen.«

Eine große Last sprach aus seinen Worten, die sich sogleich auf Nicholas’ Herz legte.

 

Sie hatten die Gewandkammer längst hinter sich gelassen, als ein hohes Portal in Sicht kam, dessen spitz zulaufende Türen über und über mit Schnitzereien versehen waren.

»Was ist dahinter?«, wollte Nicholas wissen und blieb stehen.

Der Graf musterte das Portal, als sähe er es zum ersten Mal.

»Diese Tür«, gab er zögernd zur Antwort, »habe ich seit Ewigkeiten nicht geöffnet. Zu viele Erinnerungen liegen hinter ihr verborgen.«

Eine Weile verharrte er in Schweigen, bis er sich Nicholas’ Gegenwart besann und dessen wissbegierigen Blick auffing. »Bevor sich die Ritter in alten Zeiten, bereits gerüstet und bewaffnet, ihrem ehrenvollen Schicksal ergaben«, fuhr er fort, »schritten sie als letzte Vorbereitung auf die Schlacht zum Altar, wo sie um Gottes Segen und Gunst baten. Dahinter befindet sich die Schlosskapelle.«

»Können wir sie uns angucken?«, fragte Nicholas, der den Widerwillen des Grafen zwar spürte, aber auch das Verlangen, diesen Raum zu betreten, der so viel Vergangenes zu erzählen wusste.

Statt zu antworten, nahm der Graf seine Schritte wieder auf. Nicholas folgte ihm schweigend.

»Man sollte stets wissen, wie viel man sich zumuten kann«, sprach der Graf unvermittelt. »Doch dazu bist du wohl noch zu jung. Du musst erst noch lernen, deine eigenen Grenzen zu erkennen; die Grenzen des Machbaren und die des Ertragbaren.«

Ergeben ließ sich Nicholas aus dem Irrgarten der Vergangenheit wieder hinausführen.