· 

Tribut an die Buchklassiker des 19. Jahrhunderts

Was mich an der Literatur des 19. Jahrhunderts so begeistert

Zuallererst die schöne Sprache.  Es wurde damals sehr viel mehr Wert auf Ausdruck und Formulierungskunst gelegt. Das befriedigt mein ästhetisches Empfinden. Da ich mich mit dieser Art Literatur von frühester Jugend an verwöhnt habe, fällt es mir schwer, mich an die - manchmal sogar bewusst - schnodderige Sprache zeitgenössischer Romane zu gewöhnen.

 

Im Gegensatz zu heute durften Sätze auch über mehrere Zeilen gehen, ohne dass man Sorge hatte, den Leser damit zu überfordern. Ein gewisser Intellekt wurde bei der Leserschaft einfach vorausgesetzt.

 

Zudem erfreue ich mich an der Vielfalt von Adjektiven, die üppig, aber gezielt eingesetzt wurden, um Personen oder Landschaften zu beschreiben. Heute sind derartig ausschweifende oder poetische Schilderungen (wie zum Beispiel bei Tolkiens Beschreibung der Gebirge Mittelerdes in "Herr der Ringe") geradezu verpönt.

Warum? Angeblich, weil der Leser seine eigene Vorstellungskraft bemühen soll. Ich befürchte, weil entweder vielen zeitgenössischen Autoren die Fülle an Adjektiven abhandengekommen ist; schließlich kostet es viel Zeit und Arbeit, nach den passendsten Eigenschaftsworten zu suchen. Oder aber weil Adjektive nicht in der Gunst der Kritiker stehen und man sich bei ihrer reichlichen Verwendung der Trivialliteratur verdächtig macht.

 

Ich aber liebe profunde Charakterisierungen, in denen sogar die Linie der Augenbraue Auskunft über das Wesen der Romanfigur gibt. Gesichtsausdruck, Form der Hände, Details der Kleidung, selbst wie die Schritte gesetzt werden ... alles ließ Rückschlüsse auf die Persönlichkeit zu und lässt beim Leser ein präzises Bild entstehen. Literaturkritiker dieser Tage würden darüber nur die Nase rümpfen. Und doch gehören solche Werke zu den Klassikern der Weltliteratur.

 

Unschlagbar aber sind die geistreichen Dialoge, in denen viel mehr steckt, als auf den ersten Blick erkennbar. Smalltalk - Geplauder - kann auch intelligent geführt werden und war im 19. Jahrhundert eine Kunst, die es auf dem gesellschaftlichen Parkett zu beherrschen galt. Gepflegte Konversation zu betreiben gehörte zur Ausbildung eines jeden jungen Gentleman oder einer Tochter aus höherem Hause. Nicht auf die bloße Aussage kam es an, sondern auf das WIE.

Und das WIE verlangt Ausschmückung. Geht gar nicht in Zeiten, in denen man eher die lakonische Ausdrucksweise bejubelt.

 

In den Romanklassikern wurde gerne detailreich erzählt. Heutzutage wird der groben Skizze der Vorzug gegeben; da wird ein breitrandiges Büchlein in Schriftgrad 14 (früher nur bei Kinderbüchern) von gerade mal 200 Seiten bereits als Familiensaga gehandelt. Wie gesagt, darf die Fantasie des Lesers den Rest ausfüllen. Praktisch, oder? 

Damals hingegen durfte ein Gesellschaftsroman durchaus mit gängigen 600 Seiten daherkommen: 654 bei  Charlotte Brontes "Jane Eyre". Thackerays "Jahrmarkt der Eitelkeiten" bringt es sogar auf über 900. Sie wurden gedruckt, obwohl Papier damals sehr teuer war.

 

Und dann - wie herrlich! - kommen immer wieder Begriffe wie "Tugend" und "Laster" vor, ob bei Anthony Trollope, Wilkie Collins oder eben den Brontë-Schwestern. Denn moralische Werte waren die Basis eines jeden Gesellschaftsromans. Dabei ging es keineswegs um reine Belehrung, sondern darum, Dünkel und Doppelmoral aufzuzeigen.

 

Der viktorianischen Gesellschaft wurde in den Romanen ihrer Zeit oft der Spiegel vorgehalten, Kritik mit einem zwinkernden Auge geübt. Bei den Russen wie Dostojewski, Tschechow oder Puschkin rutscht die Kritik auch gerne mal ins Groteske ab, während die Franzosen ziemlich sachlich und ungeschönt soziale Aspekte behandeln. So mein ganz persönlicher Eindruck.

 

In fast allen literarischen Werken des 19. Jahrhunderts stecken viele Details, die uns ein genaues Bild jener Epoche liefern - von der damaligen Sicht auf die Welt, gesellschaftlichen Strukturen, dem Umgang miteinander bis zu gängigen Wertevorstellungen. Auch der damals herrschende Zeitgeist ist während der Lektüre spürbar. Und doch ist jede einzelne Geschichte geprägt von einzigartigen Charakteren und ihren Schicksalen.

 

Nichts kam vorgefertigt aus irgendwelchen Schubladen, nichts war austauschbar. Nichts meint man bei den Klassikern so oder ähnlich schon einmal gelesen zu haben. Nichts unterlag einem Trend oder war gar für eine zuvor definierte Zielgruppe geschrieben. Sondern alles kam aus des Schriftstellers tiefster Seele. Solche Romane hinterlassen nachhaltige Eindrücke und erweitern den Blick auf die Welt.

 

Daher haben mich Buchklassiker von frühester Jugend an bereichert und inspiriert. In meiner Danksagung von Band 1 der Nicolae-Saga "Zwischen den Welten" habe ich darum den englischen Literaten des 19. Jahrhunderts wie Austen, Brontë, Collins, Dickens etc. Tribut gezollt. 

Im siebten und letzten Band "An der Quelle" habe ich den Radius auf die europäischen Romanklassiker erweitert und ihnen innerhalb der Geschichte sogar einen ganzen Passus gewidmet. Denn sie haben - jeder auf seine Art - mein Bild dieser Epoche maßgeblich geprägt. 

 

Ohne all diese berühmten Werke gelesen zu haben, hätte ich die Nicolae-Saga niemals schreiben können. Daher sage ich aus vollem Herzen DANKE und verneige mich vor meinem Bücherschrank.


Und für welche Romanklassiker begeistern Sie sich? Ich bin neugierig, lassen Sie es mich gerne wissen.