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Charlotte Bronte: Jane Eyre

Ein Englischer Klassiker

Vor 40 Jahren habe ich diesen Klassiker zum ersten Mal gelesen und war darum sehr gespannt, wie er heute - im reifen Alter - auf mich wirken würde. Wäre ich noch ebenso begeistert?

 

Noch viel mehr! Unfassbar, wie vertraut er mir war, als hätte ich ihn in all den Jahren immer und immer wieder gelesen.

Das bezieht sich nicht so sehr auf die Handlung, als vielmehr auf die Atmosphäre des Romans. Ich fühlte mich sofort in ihm zu Hause.

Erstaunlicherweise hatte ich das erste Drittel des Buches  - es wird in drei Bände unterteilt - noch ziemlich detailreich im Kopf. Wohingegen mir sowohl das Mittelteil mit seinen überraschenden Wendungen als auch das äußerst befriedigende Ende komplett entfallen waren. Eigenartig! Eigentlich hätte es umgekehrt sein müssen. Doch so blieb die Spannung für mich bis zum Schluss erhalten.

 

Der Inhalt dürfte vielen bekannt sein, denn Jane Eyre ist einer der bekanntesten englischen Romane und wurde mehrfach verfilmt.

 

Die arme Waise Jane Eyre wird in die wohlhabende Familie ihrer empathielosen und hartherzigen Tante aufgenommen, wo sie unter deren verzogenen Kindern zu leiden hat. Als sie sich gegen die Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten zur Wehr setzt, wird sie als aufmüpfig und unbeherrscht beschimpft und auf ein kirchliches Internat geschickt.

 

Dort herrscht ein strenges Regime. Die Zöglinge bekommen kaum zu essen und sind ständigem Hunger und Kälte ausgesetzt - angeblich zur "Stärkung des Charakters". Als Typhus ausbricht, stirbt die Hälfte der Schülerinnen, wenn sie nicht schon zuvor an der Schwindsucht verstorben sind wie Janes beste Freundin. Denn die ausgemergelten Körper haben den Seuchen nichts mehr entgegenzusetzen.

 

Unmenschliche Zustände und grausame Behandlungen auf Internatsschulen kennen wir auch aus Charles Dickens Romanen. Beide Autoren sprechen aus eigenen Erfahrungen. Man darf also davon ausgehen, dass Charlotte Bronte mit dieser Beschreibung des Schulwesens öffentlich Kritik geübt hat.

 

Nachdem die Missstände an die Öffentlichkeit geraten, wird eine neue Schulleitung eingesetzt. Jane ist ehrgeizig, lernt schnell und wird an der Schule später selbst als Lehrerin unterrichten. Doch dann kommt der Zeitpunkt, an dem sie spürt, dass ihr Leben eine Veränderung braucht.

 

Sie tritt eine Stellung als Gouvernante in Thornfield Hall an und verliebt sich in ihren Arbeitgeber Mr. Rochester. Dessen Wesensart ist ebenso unkonventionell wie die von Jane. Zu ihrer Verwunderung fordert der Hausherr häufiger ihre Gesellschaft, obwohl ihr sozialer Stand und ihr junges Alter ihn von ihm trennen. Dennoch findet sie Gefallen an seiner geradlinigen Konversation und ist von seinem Wesen fasziniert. Ihn umgibt irgendein Geheimnis, dem sie auf den Grund zu gehen trachtet.    

 

In dem alten Herrenhaus scheint es außerdem zu spuken, jedenfalls passieren des Nachts seltsame Dinge. Während Jane und ihr Dienstherr sich immer näher kommen, verdichtet sich die unheimliche Atmosphäre immer mehr.

Nach einigem Hin und Her, Zwischenspielen mit einer angeblichen Verlobten aus gutem Hause und Eifersüchteleien, gestehen sie einander ihre Liebe. Plötzlich besteht sogar die Aussicht auf eine Hochzeit zwischen der mittellosen 19-jährigen Gouvernante und dem wohlhabenden 43-jährigen Hausherrn von Thornfield Hall. Doch dann kommt alles anders.

 

Mehr möchte ich an dieser Stelle nicht verraten, falls Sie jetzt doch Lust bekommen haben sollten, das Buch zu lesen. Nur so viel:  Zuweilen fühlte ich mich stark an Daphne du Mauriers "Rebecca" erinnert. Wer das Buch - oder die Verfilmung von Alfred Hitchcock - kennt, weiß, dass diese Aussage Spannung verspricht.

Erst hinterher habe ich gelesen, dass Daphne du Maurier tatsächlich von Charlotte Brontes "Jane Eyre" inspiriert wurde.

 

Es stecken noch so viel mehr Themen in diesem Roman, die ich hier gar nicht alle ausführen kann: Klassenunterschiede, religiöse Eiferer, gesellschaftliche Konventionen, Selbstbestimmung, moralische Werte usw. 

 

Abseits der Thematik haben mich vor allem die Beschreibungen der inneren Zustände und die Charakterisierungen der Romanfiguren begeistert. Das ist große Formulierkunst.

 

Jane Eyre sollte man eigentlich gelesen haben. Keine Sorge, die Sprache wirkt - dafür, dass das Werk bereits 1847 erschienen ist - erstaunlich modern. Nun ja, das mag auch der neuen Übersetzung geschuldet sein. Mein altes Exemplar ist irgendwann verschüttgegangen, sodass ich mir eine dtv-Ausgabe von 2021 gegönnt habe - allein des hübschen Covers wegen!  ;-)


Falls ich Sie inspirieren konnte, sich an diesen Klassiker zu wagen, lassen Sie es mich gerne wissen. Es würde mich sowas von freuen! Und ich wäre natürlich sehr gespannt, wie er Ihnen gefallen hat.

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