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Stephanie Cowell: The Man in the Stone Cottage

Ein Roman über die Bronte-Schwestern

Was ich gerade lese: "The Man in the Stone Cottage" von Stephanie Cowell

Erneut ein atmosphärisch dichter und zu Herzen gehender Künstler-Roman aus der Feder von Stephanie Cowell.

 

Die New Yorker Autorin hat sich auf biografische Künstlerromane spezialisiert. Ihr hierzulande bekanntester Roman ist "Die Frau im grünen Kleid" - Originaltitel "Claude & Camille" -, in dem es um das Leben des Impressionisten Claude Monet geht. 

 

Cowell ist bekannt für ihre gründliche Recherche der Zeitepoche. Jede Kleinigkeit, auch im häuslichen Bereich, passt ins Zeitenbild. Darum wirken ihre Romane äußerst authentisch. Die Lücken in den Biografien füllt sie mit plausiblen Geschichten und haucht so den längst Verstorbenen wieder Leben ein.

 

Auch bei The Man in the Stone Cottage war ich nach wenigen Zeilen im Yorkshire des 19. Jahrhunderts eingetaucht. Charlotte und Emily Brontes Charaktere sind bis ins Letzte ausgefeilt und überaus glaubwürdig.

 

Darum geht es:

Das Leben der Bronte-Familie ist von bitterer Armut bedroht. Der Vater ist Pastor und mit seiner Gesundheit steht es nicht zum Besten. Auch sein Augenlicht lässt rapide nach. Der Kirchenrat hat ihn bereits im Visier und fragt sich, ob er für dieses Amt noch länger tragbar ist. Doch ist er der einzige in der Familie, der etwas zum Lebensunterhalt beiträgt. Seine Frau ist früh verstorben und die vier inzwischen erwachsenen Kinder kommen nicht so recht in die Hufe.

 

Der einzig männliche Nachkomme - und daher prädestinierte Familienernährer - ist Branwell, seines Zeichens Porträtist und zu einem Studium in Cambridge zugelassen, das er nicht antritt. Er kann sich nicht recht entscheiden, welche Karriere er anstreben soll. So überbrückt er die Zeit des Nachdenkens als Zeichenlehrer in Privathäusern. Als er etwas mit der Gattin seines Auftraggebers anfängt, verliert er nicht nur seinen Job, sondern auch seine Reputation. Seine Familie ist außer sich.

 

Da ist Emily als Zweitjüngste und Mittlere der drei Schwestern. Sie hält das Haus in Ordnung und kümmert sich um ihren alten Vater. Ansonsten lebt sie vollständig für ihre notierten Gedichte und Geschichten.

 

Charlotte hat gerade ihre Stelle an einer Schule in Brüssel aufgegeben. Sie hatte sich in den Schulleiter - einen verheirateten Mann! - verliebt und ihm ihre Liebe auf einem unbedacht unter der Tür hindurchgeschobenen Zettel gestanden. Nur zu dumm, dass die Ehefrau als Erste das Liebeseingeständnis findet. Unnötig zu erwähnen, dass Charlotte ihren Posten an der Schule nach den Weihnachtsferien nicht wieder antreten darf.

 

Dann ist da noch die jüngste Schwester Anne, die sich wacker als Gouvernante durchschlägt, aber ihr Zuhause und ihre Familie fürchterlich vermisst. Sie möchte am liebsten auch hinschmeißen.

 

Das ist die Ausgangssituation, in der Charlotte überlegt, eine eigene Schule in Haworth zu gründen. Ein ganzes Jahr lang arbeitet sie an dem Plan und steckt all ihre Ersparnisse hinein. Ihre Geschwister sind allesamt bereit, als Lehrer für die unterschiedlichen Fächer zu fungieren. 

Nur hat sie die Rechnung ohne die Dorfbewohner gemacht. Zur Eröffnung der Schule gibt es nicht eine einzige Anmeldung.  

 

Daher sieht Charlottes und Emilys Notfallplan vor, als Schriftstellerinnen Karriere zu machen. Allerdings war Charlottes Anfrage bei einem renommierten Autor seiner Zeit, ob er in ihren beigelegten Gedichten Potenzial sähe, ziemlich rüde abgewatscht worden. Frauen hätten in der Literatur nichts zu suchen, sie würden dazu nicht taugen! 

 

Also muss ein männliches Pseudonym her. Aber auch damit ist der Weg steinig. Es scheint unmöglich, einen Verlag zu finden. Reihenweise werden ihre Manuskripte abgelehnt und landen oft genug auch ohne eine einzige Zeile zurück in ihrem Postfach. Doch Charlotte gibt nicht auf.

 

Der erste, der bereit ist, einige ihrer Gedichte zu veröffentlichen, verlangt dafür Geld. Erst wenn sich der Gedichtband gut verkaufe, würde der Verleger einen weiteren Band auf eigene Kosten veröffentlichen.

Anm.: Das ist auch heute noch gängige Praxis. Man nennt sie Zuschussverlage. Sie fordern von Autoren, sich an den Druckkosten zu beteiligen, um ihr unternehmerisches Risiko zu vermindern.

 

Charlotte geht darauf ein und rafft sämtliche übrig gebliebene Ersparnisse zusammen. Wenn sie erst berühmt wäre ... 

Anm.: Der naive Traum vieler Schriftsteller!

Charlottes Traum weicht schnell der Ernüchterung. Ihr veröffentlichter Gedichtband wurde ganze zwei Mal gekauft!

 

Um über ihre Enttäuschung hinwegzukommen, schreibt sie einen Roman: The Professor. Mit dem gleichen Ergebnis. Der Roman wird überall abgelehnt. Charlotte ist am Boden zerstört, nichts will funktionieren. Weder das Schulprojekt noch die Literatur. In beides hatte sie all ihre Kraft und ihr Erspartes gesteckt.

 

In der Zwischenzeit hat die eher verschlossene Emily ihren berühmten Roman "Wuthering Heights" geschrieben - heimlich. Abgesehen davon ist sie mit romantischen Dingen beschäftigt. Auf einem ihrer einsamen Spaziergänge in der Heide hat sie in einer einst verlassenen Hütte einen neuen Bewohner vorgefunden: den geheimnisumwobenen jungen Schäfer Jonathan, der ursprünglich von einer der Hebriden-Inseln stammt. Anfangs nähert sie sich ihm scheu, ja fast schon ablehnend. Doch mit der Zeit entsteht ein zartes Band zwischen den beiden. Ihrer Familie erzählt Emily nichts davon.

Nachdem sie sich ihrer Schwester schließlich doch anvertraut hat, wird sie von dieser getadelt, es gehöre sich nicht, sich einem Mann unbegleitet zu nähern, gar seine Hütte zu betreten! Die anderen bezweifeln, dass es diesen Jonathan überhaupt gibt. Man ist sich sicher, dass er in der Einsamkeit von Yorkshires Heidelandschaft nur Emilys Fantasie entsprungen ist.

 

 

Diese beiden kontrastreichen Erzählstränge - die realistische Charlotte und die verträumte Emily - umschließen die gesamte Familiengeschichte der Brontes auf sehr poetische Weise. Denn bei aller Armut besitzt die Bronte-Familie etwas sehr Kostbares: die unerschütterliche Liebe füreinander.

 

Der weitere Verlauf ist bekannt. Alle drei Schwestern feiern letztendlich mit ihren unter einem männlichen Pseudonym veröffentlichten Romanen Erfolge. Allerdings sollte sich Emily nur ein knappes Jahr lang daran erfreuen können. Sie starb mit nur 30 Jahren. Aber auch Charlotte sollte nach kurzem Ruhm ein trauriges Schicksal erleiden.

 

Wer nun meint, ich hätte den gesamten Inhalt des Buches bereits verraten und müsse es daher nicht mehr lesen. FALSCH!

Die Biografien der Bronte-Schwestern sind bekannt und auf Wikipedia nachzulesen. Doch in "The Man in the Stone Cottage" geht es nicht um das Was, sonder um das Wie.

Stephanie Cowell zieht den Leser mit der ersten Zeile in das ärmliche Pfarrhaus in Haworth und lässt uns Leser teilhaben an dem Alltagsleben der Brontes, an ihren Träumen und Hoffnungen, an ihren Enttäuschungen und Schicksalsschlägen.

 

Einigermaßen fassungslos gemacht hat mich, dass sich seit jener Zeit - also seit 180 Jahren - in der Literaturbranche nicht viel verändert hat. Es ist nur dem Glück zu verdanken, dass ein einziger Londoner Kleinverleger es gewagt hat, Charlottes Roman und den ihrer Schwestern zu veröffentlichen. Sonst wären wir um diese englischen Klassiker ärmer.