Die poetisch erzählte Geschichte der Siebenbürger Sachsen
Über die Geschichte der Siebenbürger Sachsen, die nach dem Sturz des Kommunismus 1989 fast komplett aus Rumänien auswanderten, wurden schon etliche Romane verfasst. Dieser hier ist erfrischend anders. Er ist mit einem unbelasteten Blick aus der nächsten Generation geschrieben: nostalgisch und doch kritisch hinterfragend. Neu bewertend aus heutiger Zeit. Und daher bestens geeignet auch für Leser ohne Vorkenntnisse der Geschichte oder des Landstrichs Siebenbürgens.
Die etwa 25-jährige Ich-Erzählerin Sine reist zur Beerdigung ihrer Oma nach Michelsberg, eine kleine Gemeinde nahe Sibiu (Hermannstadt) in Transsilvanien (Siebenbürgen). Zwanzig Jahre ist es her, dass ihre Eltern mit ihr nach Deutschland emigriert sind. Sie hat ihre Großmutter Agneta in der Zeit nicht ein einziges Mal besucht. Obwohl ihr Vater, der alle zwei Jahre für mehrere Wochen zu seiner Mutter reiste, immer wieder versuchte, sie dazu zu bewegen. Nun ist es zu spät.
Sine wandelt auf den Spuren ihrer Kindheit. Im Haus der Großmutter kommen die Erinnerungen zurück. Ebenso im Garten mit dem Kirschbaum und der Scheune mit den gestapelten Maiskolben - und beim Treffen mit dem Nachbarssohn Julian, mit dem sie damals unzertrennlich war.
Jetzt als Erwachsene nähern sie sich einander nur zögerlich. Sine hat vor zwanzig Jahren ein neues Leben in Deutschland bekommen. Julian ist in der Heimat geblieben. Er finde hier alles, was er brauche, sagt er voller Überzeugung.
"Was liegt näher, als dem Beachtung zu schenken, was vor einem liegt? - Wieso träumen die Menschen immer von besseren Orten?" Das sind Fragen, die nicht nur Sine zum Nachdenken bringen.
Viele Jahre lang hat sie kein Zugehörigkeitsgefühl zu ihrem neuen Zuhause in Deutschland entwickeln können. Umso mehr überfällt es sie hier. Sie ist gefangen von dem besonderen Licht, das sich über die siebenbürgische Landschaft legt, dem Lauf des Silberbaches, der das Dorf mit den geometrisch angeordneten Sachsenhäusern teilt.
Die nach unterschiedlichen Farben eingerichteten Räume der Großmutter erzählen eine Geschichte. Die Geschichte vieler Generationen, die hier einst gelebt haben. Agneta war eine der wenigen, die damals geblieben sind, als alle anderen auswanderten; um all das zu schützen und zu bewahren: ihre Geschichte, ihre Heimat, ihre Identität.
"Heimat ist der Ort, an dem die Erinnerungen aufgehoben sind." So heißt es in der Buchbeschreibung des Verlags Klett-Cotta. Besser kann man es nicht auf einen Nenner bringen. Denn auch Sine kommt zum Schluss zu genau dieser Erkenntnis, als sie vom "Halben Stein" aus über das Land ihrer Vorfahren blickt.
Eigene Eindrücke von Siebenbürgen
Die Beschreibung des sächsischen Dorfes ist exakt so, wie ich es selbst vielfach in Transsilvanien vorgefunden habe. Dazu zählen nicht nur die landestypischen Kirchenburgen und Straßendörfer mit ihren geschlossenen Häuserfronten und lid-förmigen Dachfenstern, sondern auch kleine Details wie die bunten Häkelkissen auf den Kirchbänken und die bemalten Holztruhen; die nachts bellenden Hunde und die von der Weide kommenden Kühe, die ihren Stall von alleine finden.
Während der Lektüre musste ich unweigerlich an die wenigen alten Leute denken, die nach dem Exodus der Siebenbürger Sachsen in Rumänien verblieben sind, weil dort ihre Heimat ist - das Haus, das sie seit Generationen bewohnen, das Land, das sie seit Jahrhunderten bestellt haben.
Wie kann man das alles einfach aufgeben und dem Verfall preisgeben?
Das fragt sich auch Sine. Und sie fragt es schließlich laut.
Eine klare Antwort darauf gibt es nicht. Jeder hat seine eigene. Es war wie ein Sog, versucht Sines Vater zu erklären.
Auf meinen Recherchereisen in Rumänien sind wir durch etliche verlassene Dörfer gekommen und haben traurige Geschichten von den Zurückgebliebenen gehört. Wie die von Frau Schneider in Wurmloch (Valea Viilor), die einzige noch verbliebene Siebenbürger Sächsin dort - falls sie noch leben sollte.
Alle seien damals weggegangen: Familie, Freunde, Nachbarn. Sie sei geblieben. Denn ihre Heimat wolle sie nicht aufgeben.
"Einer muss doch unsere Kirche aufschließen und nach dem Rechten sehen!"
Sie hat uns ihre Geschichte erzählt, ohne zu jammern oder zu klagen, ganz sachlich. Und doch stand ihr der Schmerz der Verlassenen ins Gesicht gemeißelt. Die Beine haben sie kaum noch getragen. Wer wird sich um sie kümmern, wenn ihre Kräfte gänzlich nachlassen? Das haben wir uns mit klammem Herzen gefragt, nachdem wir uns von ihr verabschiedet hatten.
Dies ist nur eine von vielen Geschichten und doch so typisch.
Die schöne Sprache der Iris Wolff
2018, als Rumänien Gastland auf der Leipziger Buchmesse war, habe ich die Autorin live erlebt. Stundenlang hätte ich der sympathischen wie begnadeten Erzählerin zuhören mögen. Auch ihre Romane sind von einer Tiefe und Poesie durchdrungen, wie man sie nur selten findet. Und so habe ich ihre Werke "So tun als ob es regnet" und "Die Unschärfe der Welt" gerne gelesen.
Und doch habe ich mir ihren 2024 ebenfalls im Klett-Cotta Verlag erschienenen Roman "Lichtungen" bewusst nicht gekauft.
Warum nicht? Weil die Texte, so sehr ich sie beim Lesen genieße, einfach nicht bei mir bleiben wollen. Weder Bilder, Handlung noch Stimmung. Nichts blieb bei mir hängen von dem schönen Stoff, der mich während der Lektüre noch eingelullt und begeistert hat. Wie ein guter und teurer Wein, der zu schnell auf der Zunge wieder verschwindet.
Das ist ein äußerst seltsames Phänomen, das ich bisher bei noch keinem Roman erlebt habe, der mir gut gefiel.
Auf der Website von Iris Wolff wird man mit folgendem schönen Zitat empfangen:
"Nicht nur Worte sind wichtig, sondern auch der Raum dazwischen".
Wie wahr! Aber was, wenn der Raum so groß ist, dass er die Worte verschluckt? Oder ich zu sehr von besagtem Raum gefangen genommen werde, sodass die Worte an mir vorbeischwimmen und sich nicht verankern können? Denn ich bin eine große Zwischen-den-Zeilen-Leserin.
Rezeption von "Halber Stein"
Mit "Halber Stein" ist es mir erstmalig anders ergangen. Mag sein, dass es daran lag, dass ich die beschriebene Region schon öfters bereist habe und mir darum beim Lesen alles plastisch vor Augen stand, selbst das besondere Licht. Oder aber weil es sich um den Debütroman der Autorin handelt, der ursprünglich 2012 im österreichischen Otto Müller Verlag erschienen war. Der Erstling ist ja immer etwas ganz besonderes und hebt sich meist von den Folgeromanen deutlich ab.
Wer gewohnt ist rein handlungsbezogene Romane zu lesen, der sei allerdings gewarnt. Gefühlt enthält "Halber Stein" 80% Beschreibungen und Wahrnehmungen. Das muss man mögen. Selbst mir waren es hin und wieder ein paar Glühwürmchen und Lichtstreifen zu viel.
Leider habe ich den Zugang zur Protagonistin nur schwer finden können. Trotz der emotionalen Themen wie Verlust, Sehnsucht und der Wunsch nach Dazugehörigkeit wirkte Sine auf mich distanziert, ja fast ein wenig blutleer. So blieb mir nur der Blick von außen auf ihre Person, und auch der nur schemenhaft. Sie schien mir mehr Mittel zum Zweck zu sein.
Mit wundervollen Worten beschreibt Iris Wolff in "Halber Stein" Landschaft, Geschichte, Brauchtum und Eigenheiten der Siebenbürger Sachsen - aus intellektueller Warte. Das einfache Bauernleben kommt ein bisschen kurz. Und ja, auch die Abkapselung vom Rest des Landes. Aber das hätte den Rahmen wohl gesprengt. Außerdem muss ein bisschen Verklärung erlaubt sein, schließlich hat die Ich-Erzählerin nur die ersten fünf Lebensjahre in diesem einzigartigen Landstrich erlebt. Die eigene Kindheit betrachten wir schließlich alle mit einer ordentlichen Portion Nostalgie. Und das ist gut so!
Die Konzentration auf die Geschichte und das Leben der Siebenbürger Sachsen ohne giftsprühende politische Abrechnung empfand ich als äußerst wohltuend. Denn die märchenhafte Seite, die auch dazugehört, wird viel zu selten erzählt. Danke, Iris Wolff!
![Aurelia L. Porter [Official Author Website]](https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/dimension=582x10000:format=png/path/s8f9586d8de03882a/image/i8310c7ba198099a1/version/1458925724/image.png)