Geld oder Knöpfe: das ist die Frage
Dieser kleine feine Roman wurde mir von einer Freundin empfohlen und beinhaltet alles, was man sich nur wünschen kann:
- eine überaus sympathische Romanheldin
- eine lebensverändernde Situation
- eine ungewöhnliche Entscheidung
- eine dramatische Wendung
- sowie ein tragisches und schließlich doch noch einigermaßen glückliches Ende.
Die Frage aller Fragen aber lautet: Was würden Sie tun, wenn Sie über 18 Millionen Euro im Lotto gewonnen hätten?
Denn genau das ist Jocelyne - Inhaberin eines alteingesessenen Kurzwarengeschäfts in einer französischen Provinzstadt - passiert. Und zwar aus Versehen. Denn eigentlich ist sie keine Spielerin. Nur aufgrund des Drängens ihrer ewig von einem besseren Leben träumenden Freundinnen hat sie sich ein Los gekauft. Und gleich den Jackpot geknackt.
Jocelyne ist mit der Situation derart überfordert, dass sie sich ihren Gewinn zuerst gar nicht abholt. Ihr ist die Summe viel zu groß, um die Frage, was sie damit alles tun könnte, zufriedenstellend zu beantworten. Jedenfalls wenn man wie sie an keinen großen Lebensstil gewöhnt ist.
Jocelyne führt ein unspektakuläres, aber zufriedenes Leben an der Seite ihres Gatten Jocelyn (ohne e am Ende!) Und das weiß sie sehr zu schätzen. Obwohl ihre Ehe auch schwierige Jahre hinter sich hat, haben sie diese - dank Jocelynes Bescheidenheit und Güte - bewältigt bekommen, worauf sie zu Recht stolz ist.
Soll sie dieses bescheidene Glück wirklich aufs Spiel setzen? Jeder weiß doch, dass Geld Freundschaften und eventuell auch Partnerschaften zerstört und Habgier fördert. Und wer weiß, was dieser Geldsegen mit ihr selbst machen würde?
Gerade erst hat ihr früher schlecht laufendes Geschäft für Kurzwaren regen Zulauf bekommen, seit sie einen DIY (Do It Yourself)-Blog über Handarbeiten schreibt, der viral gegangen ist. So viele dankbare Zuschriften erhält sie pro Tag, dass sie mit dem Beantworten kaum hinterherkommt und für den Laden sogar jemanden einstellen musste. Sie befindet sich also auf einem Erfolgskurs, der sie sehr glücklich macht.
Wozu das alles gefährden? Immerhin holt Jocelyne ihren Scheck doch noch auf den letzten Drücker ab - und versteckt ihn unter der Einlegesohle ihres alten Schuhs im Kleiderschrank. Weder ihrem Mann - und schon gar nicht ihren Freundinnen! - hat sie davon erzählt. Sie führt ihr Leben weiter wie bisher.
Immerhin: Ab und zu, wenn sie allein in der Wohnung ist, holt sie den Scheck hervor und starrt ungläubig auf die sechs Stellen hinter der achtzehn. Zudem hat sie angefangen, Listen zu schreiben - Wunschlisten.
Die erste Liste - Liste des Nötigen - enthält noch so rührende Dinge wie:
- Lampe für den Tisch im Flur
- Zwei Teflonpfannen
- Sparschäler.
Weiter unten auf der Liste tauchen immerhin schon Dinge auf wie:
- Kleiner Teppich für Nadines Zimmer
- Zugfahrkarte nach London (Mit Jo. Mindestens zwei Tage)
- Ratgeber: "Erfolgreiche Geldanlage für Dummies"
Ich war regelrecht ergriffen von Jocelynes Bescheidenheit. Wenn es nicht nützliche Haushaltsgegenstände sind, die zeigen, wie schlicht dieses Paar lebt, sind es Geschenke für ihre Liebsten, die sie sich wünscht. In anderen Dimensionen vermag sie einfach nicht zu denken. Erst in einer der späteren Listen taucht dann auch mal eine Handtasche von Chanel auf oder eine komplett neue Wohnzimmereinrichtung - was immer noch niedlich ist bei der Summe! Oder sie wagt gar von einem Urlaub zu träumen, der kein Campingurlaub ist.
Während man noch von ihrem stillen bescheidenen Leben, in dem sie wunschlos glücklich zu sein scheint, liest, schleichen sich immer häufiger ungute Töne ein. Auf einmal entpuppt sich der gute Gatte nicht mehr als liebenswert und Jocelyne muss erkennen, dass er ihr gemeinsames Leben ganz anders bewertet.
Mehr darf ich an dieser Stelle nicht verraten. Außer dass diese leise erzählte Geschichte plötzlich eine dramatische Wendung nimmt und das "stille Glück" wie eine Seifenblase zerplatzt.
Eine poetische und irgendwie auch traurige Geschichte mit viel Weisheit und Herzenswärme erzählt.
Was ich nicht unerwähnt lassen möchte
Besonders berührt haben mich die Passagen, in denen Jocelyne ihren in einem Heim lebenden Vater besucht, der aufgrund eines Schlaganfalls an einer speziellen Form von Amnesie leidet. Er behält die Realität für gerade mal sechs Minuten, dann fragt er seine Tochter erneut, wer sie ist und wer er eigentlich sei. Bei jedem ihrer Besuche malt sie ihm schöne Lebensbilder und erdenkt sich für ihn immer neue Biografien, die ihn glücklich machen.
Nur eine Kleinigkeit hat mich gestört, und das war die häufige Erwähnung von Jocelynes Figur. Ihr Wunsch nach dem Idealgewicht und sexy roter Unterwäsche war mir einfach zu klischeehaft. Dass Jocelyne am Ende Konfektionsgröße 38 hat und ihr die Männer endlich wieder Blicke zuwerfen, worauf sie offensichtlich stolz ist ... also bitte!
Aber wer weiß, ob dies nicht vielleicht sogar die Idee des Verlags war, um möglichst viele Identifikationsmöglichkeiten für die weibliche Leserschaft zu bieten. Bloß das hat dieser Roman gar nicht nötig. Dafür schreibt Gregoire Delacourt zu gut.
Auch sein Debütroman "Der Dichter der Familie", den ich vor vielen Jahren gelesen habe, ist übrigens absolut lesenswert.
Ein weiteres i-Tüpfelchen dieses Buches ist das wunderbar passende Cover vom Heyne-Verlag sowie die Kapiteltrennungen durch einen gezeichneten Knopf. (Von wegen Kurzwaren - verstehen Sie?) Eine entzückende Idee!
![Aurelia L. Porter [Official Author Website]](https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/dimension=582x10000:format=png/path/s8f9586d8de03882a/image/i8310c7ba198099a1/version/1458925724/image.png)