zwischen Autobiografie und Fiktion
Ja, es ist ein Spiegelbestseller. Macht aber nichts, denn ich weiß, dass ich von Joachim Meyerhoff nicht enttäuscht werde. Er bildet nämlich eine rühmliche Ausnahme in dem unüberschaubaren Haufen von Promi-Autoren, weil er nicht nur ein begnadeter Schauspieler, sondern ein ebensolcher Schriftsteller ist.
"Man kann auch in die Höhe fliegen" ist das dritte Buch, das ich aus seinem Zyklus "Alle Toten fliegen hoch" lese, und das sechste aus der Reihe. Ich habe also noch ein paar Bände nachzuholen.
Bereits "Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke", das von seinen Großeltern und seiner Zeit auf der Münchner Schauspielschule handelt, fand ich absolut großartig.
Die Romanheldin
Nun also ein Roman über seine Mutter in ihrem 87. Lebensjahr. Schon auf Seite 2 war ich in die Frau schockverliebt! Meyerhoff gelingt es wieder einmal, die Eigenheiten und liebenswerten Schrullen auf so köstlich-humorvolle Weise zu beschreiben, dass man die betagte, aber alles noch kraftvoll anpackende Dame bildlich vor sich sieht. Das Adjektiv "rüstig" gefällt ihr im Zusammenhang mit ihrer Person so gar nicht. Nach nur wenigen Seiten, weiß man warum: Sie scheint locker dreißig Jahre jünger zu sein und über wesentlich mehr Elan zu verfügen als ihr Sohn. Dieser ist zu ihr aufs Land an die Ostsee Nähe Schleswig gekommen, um sich von seinem Schlaganfall zu erholen - und von Berlin.
Lieblingszitat
An dieser Stelle muss ich einfach zitieren, weil ich diese Sätze so schön finde:
Als ich aufsah, erstreckte sich vor mir ein Kornfeld. Es war eine wohltuend überschaubare Angelegenheit. Die sommerlich goldgelbe Weite, und der blaue Himmel mit den imposanten Haufenwolken. Heimat aus nur drei Zutaten.
Da muss doch jedem Norddeutschen das Herz aufgehen, oder?
Mensch Meyerhoff
Der Schreibstil des Autors ist einzigartig und unverwechselbar. Die Thematik mutig, da sehr persönlich. Er scheut sich nicht, über eigene Schwächen zu berichten, aber auf so offenherzige Art, ohne zu kokettieren, dass man ganz bei ihm ist. Als hörte man einem engen Freund zu, der nichts vor einem zu verbergen sucht, der einem nichts vormachen will und auf jegliche glanzvolle Verpackung verzichtet.
Das macht Joachim Meyerhoff aus. Er ist ganz und gar Mensch. Ohne jegliche Starallüren. Das findet man bei Autoren aus dem Kulturbetrieb höchst selten. Da ist nichts von Selbstdarstellung zu spüren. Es geht um ehrliche Bestandsaufnahmen und Rückbesinnung, sowie nostalgische bis skurrile Erinnerungen an Kindheit und Jugend.
Natürlich sind die Geschichten und Beschreibungen fantasievoll angereichert, schließlich handelt es sich um einen Roman, der uns unterhalten soll. Autobiografisches und Fiktion liegen hier also eng beieinander.
Nach-Hause-Kommen
Für mich geht es in diesem Band vor allem um das Nach-Hause-Kommen, wieder Kind sein zu dürfen, auch wenn man wie Meyerhoff schon 57 Jahre auf dem Buckel hat. Aber Kind bleibt man in Gegenwart seiner Eltern halt immer. Und ja, vor der Mama braucht man sich nicht zusammenzureißen, da darf man ruhig aus der Rolle fallen, Tränen fließen lassen und getröstet werden wollen. Das ist genau das, was eine gute Mutter-Kind-Beziehung ausmacht. Es ist wundervoll zu lesen, dass dieser Mechanismus auch im fortgeschrittenen Alter noch funktioniert. Trotz der norddeutschen Zurückhaltung ist sehr viel Liebe zwischen Mutter und Sohn spürbar. Manchmal reicht auch nur ein Blick - oder das Zubereiten der Lieblingsspeise.
Anekdoten aus dem Theaterleben
Während sich eine witzige Episode mit Meyerhoffs - gefühlt sämtliche Naturgewalten beherrschende - Mutter an die nächste reiht, gewährt er uns Lesern immer wieder Einblicke in sein Arbeitsleben als Theaterschauspieler. Es sind so urkomische Anekdoten, dass ich die Bilder nicht mehr aus dem Kopf bekomme. Als wäre ich selbst dabei gewesen.
Unschlagbar die Geschichte von "Baghira in Ulm". Ja genau, es geht um eine Aufführung des Dschungelbuchs mit einem überambitionierten Regisseur, der sämtlichen Tierfiguren eine tiefere gesellschaftsrelevante Bedeutung beimessen will und deshalb einfach nicht zu Potte kommt. Bis das ganze Ensemble zu meutern beginnt, denn es handelt sich "lediglich" um ein Theaterstück für Kinder.
Allein bei der Beschreibung der Schauspielkollegen habe ich vor Lachen auf dem Boden gelegen. Zu und zu köstlich!
Überhaupt wird man als Leser hin- und hergerissen zwischen tief zu Herzen gehenden Momenten und aberwitzigen Situationen. Manchmal reiht sich auch eine Katastrophe an die nächste, sodass man den Ich-Erzähler Meyerhoff am liebsten aus der Szene herausnehmen möchte, um ihm all die erlittene Pein und Peinlichkeit zu ersparen.
Horrorszenarien eines Schriftstellers
Das Kapitel "Mutter liest mich" wird mir unvergessen bleiben. Darin geht es um eine seit Langem anberaumte Lesung in einer Lübecker Buchhandlung.
Zunächst schildert Meyerhoff, wie es ihm generell mit Lesungsterminen geht und was er auf Lesungen bereits alles erlebt hat. Niemals hätte ich vermutet, dass ein Schauspieler, der ständig vor Publikum steht, noch diese im Vorwege stattfindenden inneren Kämpfe mit sich austrägt. Ich weiß nur zu gut, wovon er redet!
In der Buchhandlung angekommen, merkt Meyerhoff, wie es ihm immer schlechter geht. Er sieht sich außerstande zu lesen. Was tun? Die Bude ist voll. Der Buchhändler weiß kaum noch, wohin mit den Leuten.
Die Rettung lautet: Mama. Diese erklärt sich spontan bereit, für ihren Sohn einzuspringen.
Die bisher unveröffentlichte Geschichte, die sie lesen soll und selbst noch nicht kennt, handelt von ihr in einer eskalierenden Situation auf einem früheren Familienausflug. Trotzdem bekommt sie die Lesung souverän bewältigt.
Das Publikum ist so begeistert, dass Meyerhoff später Lesungsanfragen für seine Mutter bekommt!
Ach, es gibt noch so viel mehr Episoden, die erzählenswert wären.
Darum: Man muss dieses Buch einfach gelesen haben!
Mein anschließendes Theater-Highlight
Nachdem ich vor Jahren das Glück hatte, "Ach diese Lücke, diese entsetzliche Lücke" als Bühnenfassung im Altonaer Theater zu sehen, durfte ich mich gestern Abend auf "Man kann auch in die Höhe fallen" am selben Spielort freuen. Das Altonaer Theater hat sich nämlich darauf spezialisiert, Literatur auf die Bühne zu bringen. Und das gelingt ihm außergewöhnlich gut.

So auch diesmal. Eine wundervolle Inszenierung, die den Inhalt des Buches originell als Zwei-Personen-Stück plus einem 36 Frau starken Chor umgesetzt hat.
Das Bühnenbild wie bereits zitiert: Eine überschaubare Angelegenheit aus blauem Himmel mit imposanten Haufenwolken (das dürfen Sie ruhig wörtlich nehmen!) sowie eine bewegliche Dreieck-Konstruktion, die von einer Seite als Wiesenschräge, von der anderen mit ihren auf verschiedenen Ebenen ausgerichteten Holzbänken als flexibler Spielort dient; und darunter sogar als Sauna. Raffiniert!
Die beiden Schauspieler Marion Martienzen als Susanne Meyerhoff und Georg Münzel als Joachim Meyerhoff - einfach nur großartig. Selten habe ich so viel Spielfreude erlebt. Kein Wunder bei dem Stoff!
Der geniale letzte Satz
Wer von den Theaterbesuchern das Buch noch nicht gelesen hatte, wurde allerdings gespoilert. Denn es schloss mit dem wohl witzigsten Ende, das ich je in einem Buch gelesen habe. Dieses entließ mich aus der Lektüre mit einem herzhaften Lachen und brachte die Quintessenz der Meyerhoffschen Fabulierkunst auf den Punkt.
Verraten will ich es hier aber nicht, so sehr es mich in den Fingern juckt.
Sind auch Sie ein Meyerhoff-Fan?
![Aurelia L. Porter [Official Author Website]](https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/dimension=582x10000:format=png/path/s8f9586d8de03882a/image/i8310c7ba198099a1/version/1458925724/image.png)