Ein ausgeklügelter Roman
Ich hatte "Das Haus des Schlafes" vor vielen Jahren gelesen und nur noch in Erinnerung, dass ich ihn äußerst spannend fand. Daher stand er noch in meinem Bücherschrank, wo nur Bücher stehen, die ich irgendwann noch einmal lesen möchte.
Doch jetzt, beim erneuten Lesen. fragte ich mich bereits nach den ersten Seiten, warum ich damals von diesem Roman so angetan war. Ich war sogar versucht, ihn zur Seite zu legen und auszusortieren. Da ich aber jedem Buch eine Chance bis Seite 50 gebe, habe ich weitergelesen. Zum Glück? Teils, teils.
Auf der Plusseite stehen:
- der raffinierte Aufbau: wie ein Puzzle, das erst kurz vorm Ende das ganze Bild ergibt. Auf zwei Zeitebenen wird die Geschichte einer Freundesclique erzählt; sie lernen sich in den 80ern als Studenten kennen, verlieren sich nach ihren Abschlüssen aus den Augen und finden sich Ende der 90er unter mysteriösen Umständen wieder - und zwar in einem einsamen Haus an den Klippen, früher ihr Studentenwohnheim, nun Forschungsklinik für Schlafkrankheiten.
- die rätselhafte Verhaltensweise und angedeutete Obsession des Protagonisten: er ließ mich streckenweise erschauern. Etwas Unheimliches strahlte von ihm aus. Sympathisch war mir übrigens keine der Figuren, muss ja aber auch nicht.
- das spannende Thema Schlafkrankheiten: insbesondere Narkolepsie, bei der die Betroffenen von jetzt auf gleich in tiefen Schlaf fallen. In diesem konkreten Fall kann die unter Narkolepsie leidende Heldin hinterher nicht zwischen Traum und Realität unterscheiden, was fatale Folgen hat.
- viel Situationskomik und bizarre Begebenheiten, die mich schmunzeln oder sogar herzhaft lachen ließen. Coe hat es wunderbar verstanden, bestimmten Gruppen auf humorvolle bis groteske Art den Spiegel vorzuhalten - ob Intellektuelle, Psychologen oder Filmleute.
Das sind allerhand Pluspunkte, wie ich gerade feststelle!
Auf der Negativseite stehen:
- dass ich den genauen Inhalt kaum wiedergeben kann: viele merkwürdige Gestalten und Begebenheiten, häufiger Wechsel der Zeitebenen und ein Wirrwarr an Nebenhandlungen. Vielleicht war ich auch nur unaufmerksam.
- Ich fand es schwierig zu ermessen, worauf das Ganze hinauslaufen sollte und zu filtern, was wichtig und was unwichtig ist. Erst nach Dreiviertel des Buches kristallisierten sich die roten Fäden heraus und ließen in mir Ahnungen entstehen.
- Die oben bei den Positivpunkten erwähnten komischen Situationen, die mich zum Lachen brachten, schienen nur des Effektes wegen eingefügt und waren an sich überflüssig. Ich fühlte mich darum von der Haupthandlung oft abgelenkt.
- Auch wenn einer der Protagonisten Filmkritiker ist und es erlaubt sein muss, etwas von seinem Metier darzustellen, war mir das eindeutig zu viel. Es wirkte fast wie ein Schnelldurchlauf der Filmgeschichte mit massenhafter Nennung berühmter Filme, Schauspieler und Regisseure (Name-Dropping).
Ein bemerkenswerter Passus:
Coe lässt eine seiner Protagonistinnen die Studentenzeit Revue passieren. Sie kommt zu dem Schluss, dass die 80er Jahre allgemein missverstanden werden und dass die Wertmaßstäbe der Studenten jener Zeit im Grunde genauso streng und intolerant gewesen seien.
"Wir waren die ganze Zeit regelrecht politisch fanatisch. Geschlechterpolitik, Literaturpolitik, Filmpolitik."
Klingt dieser Satz nicht erschreckend aktuell? Erstaunlich, wenn man bedenkt, dass dieser Roman bereits 1997 erschienen ist - also vor fast 30 Jahren und somit eine ganze Generation später!
Heute sind weitere Themen hinzugekommen, die noch fanatischer behandelt werden: Ernährungspolitik, Sprachpolitik, Weltrettungspolitik usw.
FAZIT: Ich bin froh, diesen Roman noch einmal gelesen zu haben, denn er war im Großen und Ganzen interessant und amüsant - auch wenn manches etwas überzogen wirkte - und wurde zum Ende hin immer spannender. Die roten Fäden wurden glattgezogen, alles fügte sich ineinander. Am Ende gab es einen tragisch-dramatischen Überraschungseffekt in Hinblick auf Geschlechteridentität, der voller Ironie steckt und einen doch betroffen zurücklässt. Auch dieser muss zu den Pluspunkten hinzugezählt werden, sodass diese eindeutig überwiegen.
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