Spannender Guernsey-Roman
Dieser Roman ist erschienen, als meine Kinder noch klein waren und ich kaum zum Lesen kam. Nur im Urlaub konnte ich mir so etwas gönnen. Für meine geliebten Klassiker hatte ich jedoch den Kopf nicht mehr frei. Es musste etwas schnell Lesbares her. In jener Dekade hatte ich neben Elizabeth George auch Charlotte Link für mich entdeckt.
Die Rosenzüchterin war mein erster Roman von der Autorin. Ich war begeistert.
Jetzt - im Zuge meiner Bücherschrank-Aufräumaktion - fiel mir das Buch wieder in die Hände. Wäre ich nach einem Vierteljahrhundert wohl noch immer so davon angetan? Ich habe den Versuch gewagt.
Ja, das war ich! Der Begriff "psychologischer Spannungsroman" trifft es ganz gut. Allerdings fand ich manche Charaktere zuweilen etwas brüchig, obwohl die Autorin für die ausgereifte Psychologie ihrer Romanfiguren bekannt ist.
Was mir besonders gefällt, ist der eher seltene Handlungsort Guernsey und seine Geschichte. Mir war bis zu meiner Erstlektüre nicht bekannt gewesen, dass die Kanalinseln von Nazi-Deutschland besetzt gewesen waren und vom Mutterland England in der turbulenten Zeit bei Kriegsende so lange vernachlässigt bzw. "vergessen" wurden. Die besondere Stellung der Inselbewohner und ihrer Besatzer ist ein Teil europäischer Geschichte, den die Autorin grandios in ihren Roman mit eingewoben hat.
Darum geht es:
Franca Palmer aus Berlin leidet unter Panikattacken und Angstzuständen. Daher muss sie ihren Job als Lehrerin aufgeben. Ihr empathieloser Ehemann prügelt zusätzlich auf ihre Psyche ein und gibt ihr bei jeder Gelegenheit zu verstehen, dass sie zu nichts nutze sei, woraufhin ihr Selbstvertrauen immer mehr schwindet.
Ja, da fängt beim Lesen das Blut an zu brodeln. Nicht nur wegen der Fiesheiten dieses Egomanen. Sondern auch weil sich Franca seinen Attacken so überhaupt nicht zu erwehren weiß. Man fragt sich, warum sie bei den vielen Verletzungen, denen sie tagtäglich ausgesetzt ist, noch mit ihrem Ehemann zusammen ist. Aber er hat sie wohl klein genug gekriegt, sodass sie glaubt, ohne ihn im Leben überhaupt nicht mehr zurechtzukommen.
Eines Tages schickt er sie für eine finanzielle Transaktion seiner Firma allein nach Guernsey, wo Franca prompt eine Panikattacke erleidet und so in das Haus der Rosenzüchterin Beatrice gelangt. Dort nimmt man sich ihrer an und Franca gewinnt erstmalig wieder an Kraft.
Beatrice aber ist die eigentliche Hauptfigur. Sie wurde während der Besatzung der Insel von ihren Eltern getrennt, als diese auf einem der letzten Schiffe nach England geflohen sind. Mutterseelenallein macht sie sich in dem Chaos und der Massenpanik, die im Hafen herrschen, auf den Weg zurück in ihr Elternhaus. Dort hat sich inzwischen der hohe Nazi-Offizier Erich Feldmann mit seiner debilen Frau Helene eingenistet. Diese ist nur 10 Jahre älter als die 11-jährige Beatrice.
Das deutsche Ehepaar fügt das Kind einfach seiner Familie hinzu. Der einzige Kontakt zu Beatrices früheren Leben besteht zu einer Schulfreundin, deren Vater einer der wenigen auf der Insel verbliebenen Ärzte ist. Selbstverständlich darf sie sich nicht frei bewegen und auch die Begegnungen mit der Freundin sind hart erkämpft. Doch Beatrice versteht es, sich Erich gewogen zu machen, indem sie ihm gut zuhört. Mit seiner eigenen Frau, die er für labil und lebensuntüchtig hält - Parallele zu Franca! - kann er schwerwiegende Probleme nicht besprechen und vertraut sich daher der für ihr Alter verstandesmäßig frühreifen Beatrice an.
So begreift sie, dass Erich manisch depressiv und medikamentenabhängig ist. (Gab es damals schon Psychopharmaka???) Das allerdings macht ihn unberechenbar für die beiden Frauen, die mit ihm unter einem Dach leben. Es entsteht eine dauerhaft bedrohliche Atmosphäre in dieser Dreierkonstellation. Den Ausrastern des Herrenmenschen sind alle Hausbewohner schutzlos ausgeliefert. Vor allem die beiden französischen Zwangsarbeiter, die den von Beatrices Vater angelegten Rosengarten in Ordnung halten sollen; sie sind unmenschlichen Repressalien ausgesetzt.
Diese Geschichte aus der Vergangenheit wird peu a peu weitererzählt, während die Gegenwart eine andere problembelastete Geschichte parat hält. Denn bei Kriegsende, als alle Nazis die Insel verlassen mussten, ist Helene zurückgeblieben. Sie könne nicht in ihre Heimat zurück, behauptet sie und fordert Beatrices lebenslange Freundschaft ein. Diese sieht sich an die einstige Besatzerin ihres Elternhauses gekettet. Warum, hat sich mir allerdings nicht erschlossen. Obwohl sie sie offenkundig hasst, schafft sie es nicht, sich von Helene zu befreien. (Wieder eine Parallele zu Franca und deren Ehemann sowie zu Helene und Erich.)
Zwänge und Unterdrückungsmechanismen sind ein durchgehendes Thema dieses Romans. Auch weitere Nebenfiguren sind Abhängigkeiten unterworfen. So kommt Beatrices Sohn nicht vom Alkohol los und erst recht nicht von einer jungen Frau, die ihn seit Jahren grausam behandelt.
Zum Schluss gibt es in der Gegenwartsgeschichte noch einen Mord (um den Spannungsbogen aufrechtzuerhalten, der zum Ende hin abzuflachen drohte?) Den hätte es meines Erachtens nicht gebraucht. Überhaupt empfand ich die Story mit dem schwulen Freund von Helene, der so viel Wert auf Ästhetik und gutes Essen legt, und sich am Ende mit dubiosen Drogenhändlern einlässt, eher unglaubwürdig. Das passte einfach nicht zu seinem bisherigen Charakter.
Auch hier wurde wieder die psychische Abhängigkeit von einem Lover in Paris als Vorwand für die Abwege genutzt.
Ja, da frage ich mich: Sind denn alle Menschen so schwach und leicht manipulierbar, dass sie für ein bisschen vermeintliche Liebe ihre Prinzipien sofort über Bord werfen und sogar sich selbst missachten?
Auch Beatrices Verhalten Helene und ihrer angeblich besten Freundin gegenüber konnte ich oft nicht nachvollziehen.
Fazit: Beim erneuten Lesen taten sich mir diverse Brüche und Fragwürdigkeiten der Charaktere auf.
Insgesamt aber ist Die Rosenzüchterin ein komplexer und spannungsgeladener Roman, der ein wichtiges Stück Historie beleuchtet. Eine wunderbare Kombination.
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