Kindheitserinnerungen eines jüdischen Mädchens
Bella Chagall, geb. Rosenfeld (1895 bis 1944) - die Lebensgefährtin des berühmten Malers Marc Chagall - hat in dem Buch "Brennende Lichter" ihre Kindheitserinnerungen zu Papier gebracht.
Zwei Jahre nach ihrem Tod wurde es in New York veröffentlicht und 1966 vom Hamburger Rowohlt-Verlag - übersetzt aus der jiddischen Urfassung - herausgebracht.
Das Besondere dieses Buchschatzes - der mir aus der aufgelösten Bibliothek einer Freundin in die Hände fiel, die jahrelang beim Rowohlt-Verlag gearbeitet hatte - sind die darin enthaltenen 39 Zeichnungen von Marc Chagall. Sie illustrieren perfekt die einzelnen Kapitel.
Nicht nur deshalb zeige ich diesmal die beiden ersten Seiten des Buches statt des Covers. Der schlichte rote Leineneinband hat leider keinen Schutzumschlag mehr und wäre ziemlich nichtssagend. Die Zeichnung auf dem obigen Bild hingegen zeigt zum einen Marc Chagall beim Malen als auch Bella Chagall beim Schreiben; die Häuser deuten ihre Heimatstadt an.
Biographisches zu Bella Chagall
Aufgewachsen ist Bella Rosenfeld in Witebsk (Stadt im Norden von Belarus), das damals zum Russischen Zarenreich gehörte. Die Stadt hatte um die 50.000 Einwohner, von denen die Hälfte Juden waren - wie Wikipedia mir erzählt. Sie war die jüngste von sieben Kindern einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie und erlebte ihre Kindheit mit vielen jüdischen Bräuchen und Feiertagen. Aber auch das russische Umfeld prägte ihr Leben, wie ihre Erinnerungen zeigen.

Schon 1909 begegnete sie Marc Chagall, der ebenfalls aus Witebsk stammte und während seiner Studienzeit oft in seine Heimatstadt zurückkehrte. Er porträtierte sie im Alter von 14 Jahren als "Braut mit den schwarzen Handschuhen". Es ist eines seiner berühmtesten Gemälde, aber leider nicht gemeinfrei, sonst hätte ich es Ihnen an dieser Stelle gerne gezeigt. Als Ersatz habe ich die schöne Fotografie von Marc und Bella Chagall aus dem Jahr 1923 gefunden.
Nach seinen Pariser Studienjahren heiratete er Bella, woraufhin das Ehepaar 1915 nach St. Petersburg zog. Drei Jahre später kehrten sie nach Witebsk zurück. Nach kurzen Aufenthalten in Litauen und Deutschland lebten sie schließlich in Paris, von wo sie 1941 in die USA auswanderten. Drei Jahre später verstarb Bella in New York an einer Viruserkrankung.
Bella hatte bereits 1914 in Moskau ihr Diplom für Literaturwissenschaften erworben und war bis 1920 fürs Theater tätig.
Nach Jahren an der Seite ihres Ehemannes, für den sie oft Modell stand, reisten beide 1935 nach Osteuropa und waren schockiert über den dort herrschenden Antisemitismus. Daraufhin kehrten sie ihrer Heimat für immer den Rücken. Das war das auslösende Moment, in dem Bella den Drang verspürte, zu schreiben.
"Seltsam - ich möchte plötzlich schreiben, stammelnd in meiner Muttersprache ..." So beginnen ihre Aufzeichnungen. Ihre Kinderjahre - und damit das jüdische Leben in Witebsk - werden ihr immer präsenter.
Vor allem die jüdischen Feiertage und die damit verbundenen Rituale haben sie als Kind fasziniert. Zu klein, um den Sinn dahinter zu begreifen, bedeuten diese für sie etwas mystisch-geheimnisvolles. Doch eines begreift sie sehr wohl, und zwar dass sie nicht nur aufgrund ihres jungen Alters, sondern auch aufgrund ihres Geschlechts von vielem ausgeschlossen bleibt.
Ihren Vater erlebt sie als mächtigen und Ehrfurcht gebietenden Mann, gerecht und großzügig zu jedermann, der eine hohe Stellung in der Synagoge einnimmt. Ihre Mutter - zerrieben zwischen Arbeit und Religion - ist kaum außerhalb des Ladengeschäfts, das Bellas Eltern betreiben, zu sehen. Ihre Mahlzeiten nimmt diese zwischendurch in aller Schnelle ein.
Vielleicht auch deswegen ist für Bella der Sabbat der wichtigste Tag der Woche. Denn dieser heilige Tag ist der einzige, an dem sich die gesamte Familie um den Esstisch versammelt. Ansonsten geht jeder seiner Wege und seinen Pflichten nach. Bella wird deutlich von allen zu verstehen gegeben, dass sie ein Nichtsnutz sei, der müßig in den Tag hineinträume und den Dienstboten nur im Wege stehe. Dabei möchte sie doch nur an allem beteiligt werden!
Auch die Dienstboten schimpfen sie aus, die älteren Brüder necken sie und die Eltern sind irgendwie immer abwesend. So schlängelt sie sich durch ihren grauen Alltag, den sie vorwiegend bei der Köchin in der Küche verbringt. Nur die jüdischen Feiertage durchbrechen diese Tristesse mit ihrem warmen Kerzenschein, den gemurmelten Gebeten, den guten Dingen, die auf den Tisch kommen, und ihren geheimnisvollen Ritualen. An diesen Tagen hat sie endlich Vater und Mutter an ihrer Seite.
Ob Laubhüttenfest oder Thora-Freudenfest, mit Bella erlebt der Leser ein jüdisches Jahr entlang seiner Feiertage, erfährt etwas über die Bedeutsamkeit des Chanukka-Leuchters, der rituellen Reinigung vor dem Neujahrsfest oder den aufwendigen Speisevorbereitungen fürs Pessach-Fest (Ostern). Und das alles aus Sicht eines kleinen Kindes, für das alles von einem großen Zauber umgeben ist.
Brennende Lichter spielen eine große Rolle in der jüdischen Religion und kommen auch in Bellas Kindheitserinnerungen immer wieder zum Tragen. Insofern ist der Titel überaus passend gewählt.
Ein Buchschatz, der leider nur noch antiquarisch erhältlich ist.
![Aurelia L. Porter [Official Author Website]](https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/dimension=582x10000:format=png/path/s8f9586d8de03882a/image/i8310c7ba198099a1/version/1458925724/image.png)