· 

Carsten Henn: Der Buchspazierer

Liebeserklärung an die Literatur

Diese märchenhafte Geschichte aus der Welt der Bücher hat spät zu mir gefunden. Ich weiß nicht, wie oft zuvor ich gefragt worden bin, ob ich das Buch schon gelesen - alternativ den Film gesehen - hätte. Hatte ich beides nicht. Und war erstaunt, dass schwärmende Worte von Leuten kamen, die ich sonst nicht als eingefleischte Literaturliebhaber kenne.

Keine Ahnung, woher der Hype plötzlich rührte. Vielleicht wegen der Verfilmung mit Christoph Maria Herbst?

 

Neulich brachte mir eine Freundin das Buch - in einer gebundenen Ausgabe vom Piper-Verlag. Endlich mal wieder ein schön gestaltetes Cover!, dachte ich erfreut und verlor mich in dem Anblick.

Entgegen meiner Devise "Don't judge a book by its cover!" hatte es mich positiv für sich eingenommen. Tja ...

 

 

Die Geschichte ist schnell erzählt: Der alte ausgemusterte Carl darf in der Buchhandlung seines Freundes nur noch allabendlich eine Handvoll Bücher zu speziellen Kunden austragen. Die Tochter hat inzwischen das Geschäft übernommen und macht keinen Hehl daraus, wie überflüssig sie diesen Dienst nebst seinem Ausführer findet. 

Doch Carls Kunden leben aus unterschiedlichen Gründen von der Außenwelt isoliert und sind auf seine Literaturtipps angewiesen. Er ist ihre einzige Verbindung zur Außenwelt. Längst hat Carl allen Namen berühmter Romanfiguren gegeben, die sie bestens charakterisieren. 

 

Eines Tages gesellt sich ein kleines Mädchen zu Carl. Schascha ist eine Mischung aus Pippi und Momo und begleitet ihn ungefragt zu seinen speziellen Kunden. Umgehend mischt sie den Haufen auf, indem die schlaue Blitzmerkerin sofort erkennt, was diese Eigenbrötler in Wirklichkeit für eine Lektüre brauchen, um sich von sich selbst zu befreien. 

 

Neben der jungen Schreckschraube von Buchhändlerin, die Carl am liebsten rauswerfen möchte, weil er so aus der Zeit gefallen ist und sie den Laden endlich modernisieren und in Schwung bringen will (Märchen halt!), gibt es noch einen weiteren Widersacher: den alleinerziehenden Vater von Schascha. Dem passt es gar nicht, dass seine Tochter mit einem alten Mann durch die Gegend zieht. Allein schon deren Bücher sind ihm ein Dorn im Auge. In seiner Wut wirft er sie aus dem Fenster, verbietet ihr das Lesen und den Umgang mit Carl. Als wenn das nicht reichte, stellt er Carl eines Abends in einer dunklen Gasse zur Rede, schlägt ihn zu Boden und lässt den alten Mann bewusstlos liegen.

 

Carl erwacht im Krankenhaus mit Gehirnerschütterung und diversen Brüchen. Aber keiner kommt ihn besuchen. Schwer enttäuscht von der Welt, zieht er sich zurück. Seinen Job ist er los, sein Freund der Buchhändler ist inzwischen verstorben; dessen Tochter hatte den Kontakt zu Carl ohnehin unterbunden, nicht einmal auf der Beerdigung war er erwünscht.

 

Der rettende Engel heißt Schascha, wie könnte es anders sein. Sie bringt wieder Licht und Liebe in Carls Leben - und baut Brücken zwischen seinen ehemaligen Kunden, die gemeinsam einen Lesezirkel gründen.

Ende gut, alles gut!

 

 

Nichts gegen Märchen. Aber der eklatante Bruch eines Charakters ging mir dann doch zu weit:

Der impulsive, bücherverachtende Vater von Schascha vollführt zum Ende hin nämlich eine 180-Grad-Drehung. Fortan gibt er den liebevollen treusorgenden Vater, der seiner Tochter den Umgang mit dem neu gegründeten Literaturkreis selbstverständlich erlaubt. Und das alles nur, weil Carl ihm beim Überfall auf seine Person "Ronja Räubertochter" als Lektüre untergeschoben hatte. In der Titelheldin hat der Vater (Potzblitz, der Literaturverächter hat das Buch tatsächlich aufgeschlagen und gelesen!) die wahre Natur seiner Tochter erkannt und begriffen, dass er Schascha ihren Willen lassen muss.

Die Message: Das richtige Buch schafft im Handumdrehen, was kaum einem Psychologen, Therapeuten oder Lebensberater dieser Welt in vielen mühevollen Sitzungen gelingt. Donnerwetter!

 

Obwohl das alles recht hübsch und wünschenswert daherkommt und eine große Liebeserklärung an die Kraft der Literatur darstellt, kann ich die allgemeine Begeisterung für dieses Buch nicht teilen. 

Zugegeben, es war eine nette Nachmittagslektüre. Aber mehr nicht. Mir rutschte es zu sehr an der Oberfläche entlang und ließ es an Tiefe fehlen. Vom Schreibstil her erinnerte es mich streckenweise eher an ein Kinderbuch.

 

Für mein Empfinden zielt dieses Buch zu sehr auf den Massengeschmack ab:

viel Handlung (Show), eine ordentlich Portion Lokalkolorit (malerische Altstadt), klar beschriebene Antihelden (Buchhändlerin und Schaschas Vater), schnelle Krise (der von Gott und der Welt - hier: von Buch und Freund - verlassene liebenswerte Held) und vor allem ein Happy End, in dem alle glücklich und zum Guten bekehrt sind.

 

Das Raffinierte daran: Kritik lässt dieses Buch eigentlich nicht zu. Denn wer wollte etwas Negatives über ein Buch äußern, in dem es um die Kraft der Literatur geht? Das von vornherein die Welt der Buchhändler in Verzücken versetzt? Und die der Vielleser ohnehin? Man DARF eine Liebeserklärung an die Literatur schlicht nicht kritisieren! 

 

Tue ich hiermit dennoch. Die begeisterten Stimmen, selbst von Leuten, denen ich unterstelle, dass sie durch die Lektüre diese Buches zum ersten Mal den Namen "Mr Darcy" gelesen haben - geschweigen denn wissen, aus wessen berühmten Roman dieser stammt -, hatten mich von Anfang an skeptisch gemacht. Ohne das Herzensanliegen des Autors infrage stellen zu wollen, hat dieses Buch bei mir keinen großen Eindruck hinterlassen, obwohl ich für die darin erwähnten literarischen Werke brenne. 

 

Trotzdem lobenswert als Mittel, wieder mehr Menschen für Bücher zu interessieren und in die Welt der Literatur einzuführen. Hoffen wir, dass dieses Kalkül aufging!