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Katharina Hagena: Flusslinien

Ein Roman über Generationen und die Elbe

Was ich gerade lese: "Flusslinien" von Katharina Hagena

Schon auf den allerersten Seiten habe ich mich köstlich amüsiert über die Gedankengänge der 102-jährigen Margrit. Ihr Blick auf die heutige Welt und junge Generation hat etwas herzerfrischend Geraderückendes und Humorvolles. 

Zitat von Seite 12: "Wie bedauerlich, dass die Jugend immer nur an Jugendliche verschwendet wird."

 

Margrit hat die Angst vor dem Tod längst überwunden. Sie sucht nur noch nach den Verbindungen zwischen einzelnen Erinnerungsfäden, sofern ihr Gedächtnis dieses noch zulässt. Die erinnerten Geschichten sind nicht rund, sie haben Lücken. Und so lange sie die fehlenden Teile nicht gefunden hat, kann sie nicht gehen. 

 

Der Haupthandlungsort ihrer Erinnerungen ist der Römische Garten am Elbhang im Hamburger Stadtteil Blankenese. Dorthin lässt sie sich fast täglich von dem 25-jährigen Altenpfleger Arthur fahren. 

Die Geschichte des Jugendstil-Gartens und damit derjenigen, die ihn von 1913 bis 1924 neu angelegt hat, entblättert sich Seite für Seite vor dem Leser. Denn die Landschaftsgärtnerin Else Hoffa - sie hat tatsächlich gelebt - war mit Margrits Mutter liiert, bis sie 1938 nach England emigrierte.  

 

Zwischen Vergangenheitsrecherche und Gegenwartsthemen bewegt sich der Roman von Katharina Hagena, der mal aus Margrits Warte, dann wieder aus der ihrer 18-jährigen Enkelin Luzie und der ihres 25-jährigen Pflegers geschildert wird. 

Mit diesen unterschiedlichen Erzählperspektiven werden nicht nur individuelle Schicksale, sondern auch vergangene und aktuelle Zeitumbrüche gespiegelt. 

 

Die Dialoge haben Witz, ohne ins Platte abzudriften, sogar wenn sie ernste Themen aufgreifen wie die Perspektivlosigkeit der Jugend, die festgefahrenen Ideologien der Alten usw. Auch Umweltfragen wie die Elbvertiefung werden thematisiert - was fast zwingend ist, da der Fluss ein wichtiger "Nebendarsteller" des Romans ist und fest zum Leben der drei Protagonisten gehört. Schöne Idee: Jedes neue Kapitel wird mit einem Stimmungsbild von der Elbe eingeleitet. 

 

Ein bisschen zu bunt wurde es mir allerdings zum Ende hin, wo die Autorin Arthur darüber fabulieren lässt, dass Fantasy - im Gegensatz zur Science-Fiction, für die er sich Kunstsprachen ausdenkt und online anbietet - "im Kern" reaktionär sei. Schließlich würde Fantasy von archaischen Gesellschaftsstrukturen in vorindustriellen Zeiten handeln. 

Und das alles nur, weil Arthur gerade erfahren musste, dass eine der von ihm erfundenen Sprachen von einer faschistischen Gruppe aus Osteuropa (natürlich!) für ihre Zwecke missbraucht wurde. Erst da wird ihm bewusst, dass die von ihm in der Kunstsprache kreierten Vokabeln wie "Schande", "Volk" oder "Reinheit" Nazipathos-Potenzial haben. 

 

Damit habe ich ehrlich gesagt ein Problem. Denn genau durch solche Sätze kommen Gedanken auf wie:

Machen sich jetzt etwa alle verdächtig, die solche Wörter in den Mund nehmen, ganz gleich in welchem Kontext? Stehen diese Begriffe gar schon auf einem Index? Und macht sich die riesige Fantasy-Fangemeinde, die diesen reaktionären Stoff mit solch einem Vokabular liebt, infolgedessen politisch verdächtig?

 

Nein, ich bin kein Fan von Fantasy. Aber diese "Nahelegung" halte ich für prekär und ziemlich bedenklich, da sie Debatten befeuert, die die Gesellschaft spaltet. 

Klar, es ist nur eine Romanfigur, die diesem verqueren Gedanken nachhängt. Und vielleicht wäre ich gar nicht darüber gestolpert, wenn nicht zuvor schon mehrere "woke" Ansichten hier und da eingeflossen wären - und zwar ziemlich gewollt. Ob Homosexualität, Feminismus, Patriarchat, Vergewaltigungsopfer, Kopftuch-Debatte, Integration, Rassismus, Mobbing, Klimawandel usw., fast keines dieser gesellschaftspolitischen Themen wird ausgelassen.

 

Falls junge Menschen sich tatsächlich ständig mit diesen ganzen Problematiken befassen sollten, wundert es mich nicht, dass so viele in der Generation psychisch krank sind. Unter all dem Ballast - es gibt dabei ja leider keine einfachen Lösungen - muss so eine junge Seele ja zerquetscht werden.

 

Dabei habe ich die Hoffnung, dass es der Autorin nur darum ging, ein gesellschaftsrelevantes Buch abzuliefern. Das Feuilleton steht nämlich auf so was. Da muss sich eine Romanfigur das schon mal alles draufpacken lassen.

 

Sei's drum. Alles in allem habe ich mich gut unterhalten gefühlt, auch ohne neue Einsichten oder Erkenntnisse, falls diese bezweckt gewesen sein sollten. Denn dafür war aufgrund der Themenfülle alles viel zu kurz angerissen.

Den Römischen Garten hingegen werde ich zukünftig mit anderen Auge betrachten und dabei an die bewegende Geschichte von Else Hoffa denken.

 

PS: Ach ja, das mit dem Tattoo-Studio in der Seniorenresidenz ... ein wirklich skurriler Gag!