Der erste Coming-of-Age-Roman?
Den Fänger im Roggen hatte ich vor ca. 15 Jahren zum ersten Mal gelesen. In die Hände geraten war mir das Buch in der Schulbücherei, in der ich damals ehrenamtlich tätig war. Anscheinend gehört es zur "Pflichtlektüre" an den Schulen. Seltsamerweise haben weder meine Kinder noch ich dieses Buch jemals lesen müssen. Da es aber oft in anderen Büchern zitiert wird, war ich darauf sehr gespannt.
In die Gedanken- und Gefühlswelt eines 16-jährigen New Yorker College-Schülers Anfang der 50er Jahre schauen zu können fand ich höchst interessant. Die darin enthaltene Gesellschaftskritik ist ein Evergreen und von daher auch heute noch aktuell. Doch niemals hätte ich einen solchen Sprachstil in dieser Dekade des 20. Jahrhunderts erwartet. Das hatte mich schon damals bei der Erstlektüre überrascht.
Eigenartigerweise hatte ich nur die ersten 50 Seiten in Erinnerung behalten, als Caulfield noch aus der Schule plaudert. Den ganzen Hauptteil des Romans, der sich in New York abspielt, hatte ich komplett vergessen. Gut möglich, dass mich dieser langweilte - dieses ziellose Herumbummeln und Zeit totschlagen und Geld verschwenden und Hauptsache noch nicht nach Hause gehen müssen, damit die Eltern nicht spitzkriegen, dass er - mal wieder! - wegen zu schlechter Leistungen von der Schule geflogen ist. Er überbrückt die freien Tage bis zum unvermeidbaren Ende am Weihnachtstag, indem er durch das nasskalte und unwirtliche New York taumelt, sich zwanghaft versucht zu verabreden und mit oberflächlichen Bekanntschaften durch Bars, Kinos, Theater und Eislaufbahnen stromert. Die jungen Leute aus seiner Generation scheinen alle ein konkretes Ziel vor Augen zu haben oder haben sogar schon einen festen Platz in der Gesellschaft ergattert. Nur Caulfield schwankt ziellos umher.
Diesmal habe ich klarer erkannt, dass hier ein Heranwachsender bereits an der Welt und ihrer Oberflächlichkeit verzweifelt. Für Caulfield gibt es keine tiefen Freundschaften. Die Heuchelei und Verlogenheit der Gesellschaft deprimieren ihn maßlos. Alles, was ihm begegnet und widerfährt, gibt ihm den Rest. An nichts findet er Interesse oder gar Freude.
Nur ein einziges Wesen verehrt er wirklich sehr: seine kleine Schwester Phoebe. Denn sie ist geradeheraus, sagt, was sie denkt und hält mit nichts hinterm Berg. Sie erkennt den Schmerz des Bruders und konfrontiert ihn genau hiermit:
"Du kannst überhaupt nichts ausstehen", fährt sie ihn in einem Streit an. "Die Schulen hast du nicht gern, und überhaupt alles hast du nicht gern. Einfach nichts."
Außergewöhnlich für die Zeit der Romanentstehung (1951) ist einerseits die mit vielen Fluchwörtern unterlegte Umgangs- bzw. Jugendsprache des Protagonisten. Andererseits wie Holden Caulfield mit seinen 16 Jahren bereits das oberflächliche Gebaren seines Umfeldes durchschaut - diese affektierten Esel -, ihn die gesellschaftliche Erwartungshaltung ankotzt und er nicht begreifen kann, dass die meisten aus seiner Altersgruppe den von ihren Eltern vorgeschriebenen Weg gehen, ohne eigene Wünsche anzumelden oder anderweitig aufzubegehren.
Caulfield hingegen will aus diesem System ausbrechen, doch findet er keine Verbündeten. Früh muss er erkennen, dass selbst die Intellektuellen - oder solche, die sich dafür halten - nur leeres Zeug daherschwafeln.
Sogar bei den allseits beliebten New Yorker Schauspiel-Größen, durchschaut der unangepasste Schüler die Fassade und versteht nicht, warum alle Welt ihnen zujubelt.
Bei all dem, was Holden Caulfield so alles deprimiert, muss man aufpassen, sich während der Lektüre nicht selbst von allem deprimieren zu lassen. Denn irgendwie hat er verdammt recht. Und das - um es mit seinen Worten zu sagen - kann einem echt den Rest geben!
Haben Sie den "Fänger im Roggen" auch gelesen? Oder lesen müssen? Was ist bei Ihnen davon hängengeblieben?
![Aurelia L. Porter [Official Author Website]](https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/dimension=582x10000:format=png/path/s8f9586d8de03882a/image/i8310c7ba198099a1/version/1458925724/image.png)