Ein Roman aus dem alten Europa
Einen dermaßen berührenden Roman habe ich lange nicht mehr gelesen. Dabei hätte ich das Buch fast entsorgt, weil ich den Einband so furchtbar hässlich und nichtssagend fand. Da bewahrheitet sich mal wieder: Don't judge a book by its cover!
Dieses Buch bekommt man nur noch antiquarisch. Es kam bereits 1952 heraus und stammt aus der aufgelösten Bibliothek einer Freundin. Und wieder einmal mache ich die Erfahrung, dass die alten Bücher so viel mehr Gehalt und Wahrheiten enthalten als die neuen, bei denen es fast nur noch darum geht, durch einen außergewöhnlichen oder provokanten Stil aufzufallen. In diesem Roman aber geht es um das Innerste des Menschseins und daher ist er aktuell wie eh und je.
Er schildert das Leben des estnisch-russischen Baron von Lappe, der vor Beginn des Ersten Weltkriegs in Berlin Medizin und Kunstgeschichte studiert. Dort lernt er die Hugenottin Manon de Carmignac kennen, die zusammen mit ihrer Großmutter in ziemlicher Armut lebt. Sie verlieben sich ineinander und verleben eine schöne Zeit zwischen Grunewald und Tiergarten - bis im Juli 1914 der Erste Weltkrieg ausbricht.
Den Baron - von Manon liebevoll Wanja genannt - zieht es zurück in die Heimat, er muss nach seiner Mutter und Schwester sehen, die allein auf dem Familiengut leben. Dort stellt er fest, dass es der Mutter gesundheitlich sehr schlecht geht und er dringend auf dem Gut gebraucht wird. Er beschließt, beruflich umzusatteln und die Landwirtschaft zu erlernen mithilfe seines langjährigen Verwalters. Auch dieser mit sprachlichen Eigenheiten wunderbar gezeichnet.
Was dem Baron besonders gefällt: dass sein alter Gutsverwalter unverbildet ist. Der Autor weist mit seiner Wortschöpfung darauf hin, dass intellektuelle Fähigkeiten in gewissen Lebenssituationen absolut wertlos sind. Schon zuvor hatte er erwähnt, dass er keine Notwendigkeit dafür sähe, Agrarwissenschaften zu studieren. Seit Jahrhunderten würde dieses Wissen von Generation zu Generation bei der praktischen Arbeit weitergegeben werden.
Baron von Lappe reist noch einmal zurück nach Berlin, um Manon zu sich zu holen. Die politische Situation hat sich in den wenigen Monaten jedoch derart verschärft, dass er allein aufgrund seines russischen Passes prompt als Spion verhaftet wird. Nur die Fürsprache eines adligen Bekannten, der wiederum mit Hindenburg befreundet ist, rettet ihn aus dem Gefängnis.
Baron von Lappe flieht zu Bekannten aufs Land, von wo er sich zurück auf den Weg in die Heimat macht. Manon jedoch kann ihn nicht begleiten, sie will ihre kranke Großmutter nicht allein zurück lassen.
Der Krieg reißt das Liebespaar letztendlich auseinander. Der Baron erfährt mehrere Schicksalsschläge: sein jüngerer Bruder fällt noch in den ersten Kriegstagen, die Mutter stirbt und dann wird auch noch seine tatkräftige Schwester von Rotarmisten geschändet und getötet. Plötzlich steht er völlig allein im Leben und muss das Familiengut und letztendlich auch noch seine Heimat aufgeben. Er flieht nach Schweden und wird dort von einer befreundeten Adelsfamilie versteckt.
Der Roman endet in den 50er Jahren. Der Zweite Weltkrieg wird nur noch grob skizziert. Dafür aber das wirre Leben in der Zwischenkriegszeit: Elend und bittere Armut, zerstörte Seelen und Orientierungslosigkeit, Kriegsgewinnler und Kriegsversehrte. In dieser Zeit erlebt Manon, die es nach Paris verschlagen hat, das Aufblühen der Boulevard-Theater, wo sie als Sängerin engagiert ist. Sie hat nie aufgehört, ihren Wanja zu lieben.
Auch Wanja hat trotz seiner Heirat mit einer der Töchter aus der schwedischen Adelsfamilie stets Manon im Herzen getragen. Sie finden einander letztendlich wieder.
Das Ende kommt zum Glück ohne jeglichen Kitsch aus, es ist einfach nur zu Herzen gehend.
Fast ist mir, als hätte ich Wanja und Manon gekannt. So sehr hat ihr beider Leben mich mitgenommen.
Die unpathetische Erzählweise und die als Lebensaufzeichnung verpackte Geschichte wirkten auf mich sehr authentisch. Sie geben einen tiefen Einblick, wie die beiden Weltkriege das alte Europa restlos zerstört haben.
Der Roman trägt eindeutig autobiografische Züge. Besonders schlimm muss von Stackelberg die Behördenwillkür in Deutschland erlebt haben. Der Militarismus habe die Deutschen entmenschlicht, lässt der Autor seine Hauptfigur am Ende resümieren. Ihm sind fortan sämtliche Uniformen verhasst.
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Ideologien die Feinde der Menschheit sind, und betont, dass nicht alle Adligen in Saus und Braus gelebt und ihre Untergebenen schlecht behandelt oder die Bauern ausgebeutet haben. Es gab auch welche mit Anstand. So hatten die von Lappes bereits weit vor der Oktoberrevolution 1917 Land an ihre Bauern verteilt und darauf geachtet, dass diese unter menschenwürdigen Bedingungen leben. Der Baron begegnet seinen Bediensteten stets auf Augenhöhe, ebenso wie es die befreundeten Adelsfamilien tun.
Aus dem Klappentext zitiere ich den letzten Absatz, weil es sich nicht besser formulieren lässt:
Das Buch ist - bei aller Trauer über das verlorene alte Europa - mit viel Verständnis für die Umwälzungen der Zeit, ohne Ressentiment und mit großer Noblesse geschrieben. Über Schwermut und Heimweh nach dem Vergangenen hinaus, besticht an ihm der für den Autor so bezeichnende Adel der Gesinnung.
Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer, dass ich dieses von außen unschöne Buch hüten werde wie einen Schatz.
![Aurelia L. Porter [Official Author Website]](https://image.jimcdn.com/app/cms/image/transf/dimension=582x10000:format=png/path/s8f9586d8de03882a/image/i8310c7ba198099a1/version/1458925724/image.png)