Ein sehr persönliches und ehrliches Buch über Demenz
Eines vorweg:
Folgender Buch-Kommentar ist ebenfalls ein sehr persönlicher. Ich kann das Gelesene nicht trennen von meinen eigenen Erfahrungen zum Thema Demenz. Dabei hatte ich eigentlich gedacht, damit abgeschlossen zu haben, nachdem mein Mann und ich fast 20 Jahre lang uns nahe stehende Menschen mit Demenz intensiv begleitet haben.
2005 begann meine Mutter dement zu werden. Ihre letzten 5 Jahre verbrachte sie im Demenz-Wohnbereich einer Senioreneinrichtung. Als sie Ende 2015 starb, erkannten wir die ersten Anzeichen von Demenz bei meiner verwitweten Schwiegermutter. Auch sie mussten wir letztendlich in einer Einrichtung unterbringen.
Eine kurze Ruhepause war uns vergönnt, dann erkrankte eine liebe Freundin an einer speziellen Form von Demenz. Sie lebte allein, die nächste Angehörige nicht so schnell erreichbar. Insofern bin ich eingesprungen und habe sie dreimal wöchentlich über mehrere Stunden betreut und den Alltag für sie so gut es ging geregelt. Bis zu ihrer Unterbringung in einer Demenz-Wohngruppe in der Nähe ihrer Familie haben wir auch weiterhin Ausflüge mit ihr gemacht; wir hatten ja inzwischen den Umgang mit Dementen gelernt und waren weder schockiert noch genervt.
Vor allem in den 5 Jahren, die meine Mutter im Wohnbereich für Demenzkranke gelebt hat, habe ich die ganze Bandbreite an Symptomen - oder wie Bettina Tietjen es besser ausdrückt: dementiellen Veränderungen - kennen gelernt. Allein von dieser Zeit könnte ich einen Roman schreiben.
Aber Bücher und Filme über Demenz gibt es inzwischen genug. Das Thema ist zum Glück längst aus der Tabu-Zone heraus.
Besonders wichtig wären solche Bücher wie das von Bettina Tietjen für Leute, die mit dem Thema bisher wenig Berührung hatten oder gerade erst in Berührung kommen. Denn man kann so viel falsch machen im Umgang mit Dementen.
Das Hauptanliegen der Autorin ist es deshalb, aufzuzeigen, dass man noch viele schöne Momente mit dem demenziell Erkrankten erleben kann - was der überaus passende Titel "Unter Tränen gelacht" wunderbar zum Ausdruck bringt. Das gelingt Bettina Tietjen hervorragend. Sie verhält sich intuitiv richtig, beobachtet ihren Vater und reflektiert ihr Verhalten ihm gegenüber. Genau so kann es gelingen, noch eine harmonische gemeinsame Zeit zu verbringen, wie ich aus eigener Erfahrung bestätigen kann.
Es nützt nichts, sich allein mit der medizinischen Seite der Erkrankung zu befassen und mit deren Symptomatik auseinanderzusetzen. Viel wichtiger ist das eigene Verhalten dem Dementen gegenüber. Und dazu gehört, dem Erkrankten würdevoll und auf Augenhöhe zu begegnen, auch zuweilen ablehnendes oder gar aggressives Verhalten nicht persönlich zu nehmen und jede Menge Geduld zu üben.
Aber eines sollte man sich eingestehen: So sehr man sich auch bemüht, alles richtig zu machen, wir Angehörigen sind auch nur Menschen und manchmal reißt einem eben doch der Geduldsfaden oder man ist gekränkt, obwohl man vom Kopf her die Situation sachlich einzuschätzen weiß. Das Herz lässt sich eben nicht abschalten. Und die neue Rolle, die man als Kind dem Vater oder der Mutter - oder dem Ehepartner - gegenüber gezwungen ist einzunehmen, will geübt und akzeptiert sein.
Bettina Tietjen hat ein sehr persönliches und ehrliches Buch über die Demenz ihres Vaters geschrieben. Sie beschreibt anschaulich die einzelnen Phasen der Erkrankung mit all ihren weitreichenden Auswirkungen, auch auf die Familie. Immer wieder streut sie amüsante Begebenheiten ein und erzählt einzelne Episoden aus dem Leben ihres Vaters.
Auch schildert sie, was die Veränderungen des Vaters/Opas mit der Familie und ihr selbst machen. Wie reagieren die Enkel auf ihren plötzlich kolossal veränderten Opa? Wie kommen sie damit klar? Wie verhalten sich Freunde und Bekannte?
Wie kräftezehrend und nervenaufreibend die Begleitung eines dementen Angehörigen ist, wird in diesem Buch nicht verschwiegen. Bettina Tietjen erzählt auch von Menschen, die es nicht schaffen, die nicht fertig werden mit dem veränderten Verhalten ihres Ehepartners oder Elternteils. Und die sich deshalb kontraproduktiv verhalten und dadurch alles noch schlimmer machen. Oder sich - traurigerweise - entziehen.
Der Autorin ist es grandios gelungen, den Draht zu ihrem Vater aufrechtzuerhalten, wobei ihr ihr äußerst empathisches und geduldiges Wesen sicherlich geholfen hat. Auch sie ist erschöpft oder reagiert gelegentlich unwirsch. Aber sie ist stets mit dem Herzen dabei.
In dem Buch erzählt sie auch über ihre Erlebnisse in der Senioreneinrichtung, über den täglichen Ablauf, die Mitbewohner bis hin zum Personal, und zwar facettenreich und ehrlich. Auch die unangenehmen Dinge, die oft schamhaft verschwiegen werden, kommen zur Sprache. Denn sie gehören nun mal dazu.
Ungeschönt benennt Bettina Tietjen die Schwachpunkte des Systems. Ob es ihre Erfahrungen mit den Gutachtern vom MDK (Medizinischer Dienst der Krankenkassen) sind oder mit den Notaufnahmen der Krankenhäuser. Vieles von dem Geschilderten habe ich ganz genauso erlebt - von den Abläufen im Seniorenheim, die wirklich ihr Bestes geben, bis zu den Unzulänglichkeiten mancher Hausärzte in Bezug auf Demenz, ganz zu schweigen von den irrwitzigen Abläufen in den Krankenhäusern.
Das Buch "Unter Tränen gelacht" hat einiges in mir aufgewühlt. Vieles stand mir wieder deutlich vor Augen. Insofern habe ich mit der Autorin gelitten und gelacht, Freude empfunden, Enttäuschungen hingenommen, habe erneut fassungslos dem skandalösen Gesundheitssystem gegenübergestanden und mich über überlastete und empathielose Ärzte aufgeregt.
Aus diesem Grunde hätte ich von selbst nicht zu diesem Buch gegriffen. Doch mein ehemaliger Grundschullehrer hatte so begeistert davon berichtet, dass ich es mir kaufte. Und darüber bin ich sehr froh. Denn es zeigt endlich einmal auf, wie aufreibend die Kümmerarbeit ist - und doch so bitter notwendig!
Für die meisten ist es sicherlich kaum vorstellbar, was alles schieflaufen kann, selbst wenn die Pflegekräfte noch so bemüht sind. Gemütlich in den Urlaub fahren, um Kraft zu tanken, ist nicht. Denn genau dann kommt der befürchtete Anruf vom Heim, dass der Notarzt gerufen wurde. Zumindest darauf kann man sich verlassen. Das habe ich mehrfach genau so erlebt wie Bettina Tietjen.
Wer allen Ernstes glaubt, dass man sich um einen gut untergebrachten dementen Angehörigen nicht mehr groß kümmern muss, demjenigen lege ich dieses Buch besonders ans Herz.
Wie immer freue ich mich über Zuschriften.
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