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Anne Sauer: Im Leben nebenan

Die Sache mit den Lebensentwürfen

Was ich gerade lese: "Im Leben nebenan" von Anne Sauer

Der Roman "Im Leben nebenan" von Anne Sauer wurde im Hamburger Abendblatt vorgestellt.

Ich habe angebissen! Was aus guten Gründen selten vorkommt. Aber diesmal wurde ich nicht enttäuscht.

 

Eine junge Frau erwacht von heute auf morgen in einem komplett anderen Leben, das ihren bisherigen Vorstellungen total widerspricht.

 

"Antonia ist nicht verrückt. Sie ist einfach nur eine kinderlose Frau, die heute mit einem Baby aufgewacht ist. In einer Wohnung mit gebügelten Gardinen und akkurat gefliestem Bad. Verheiratet mit ihrer ersten großen Liebe."

... beschreibt der Klappentext die absurde Ausgangssituation.

 

Igitt! Dabei will sie doch viel lieber ein hippes urbanes Leben führen, ungebunden und frei, mit ihrem selbstständigen kreativen Jacob. Nur zu blöd, dass dieser irgendwann doch Vater werden will. Das passt Toni so gar nicht in den Kram. Aber was tut man nicht alles aus Liebe.

Also versucht sie schwanger zu werden. Dabei hasst sie alles, was damit einhergeht: nicht nur die zwangsläufigen Veränderungen des Körpers, auch die Blagen anderer Leute gehen ihr mächtig auf den Geist. Aber nun gut ... 

 

Es klappt jedoch nicht mit der Schwangerschaft.

Zum Glück, habe ich beim Lesen gedacht, bei so viel Halbherzigkeit! Nur auf Druck der Außenwelt? Weil alle anderen in ihrem Freundes- und Bekanntenkreis plötzlich mit Nachwuchs loslegen? Und ihrem Partner zuliebe?

 

Aber ja, das Kinderkriegen scheint selbst bei Frauen der jetzt jungen Generation, die so selbstbestimmt auftritt, immer noch  ein gesellschaftlicher Gruppenzwang zu sein. Kinderwunschklinik und die damit verbundenen Torturen lautet also die bittere Lösung. Und immer wieder Hoffnung, Enttäuschung, Hoffnung, Enttäuschung sowie das unerträgliche Mitleid der anderen.

 

Doch während dieses ganzen Horrors wacht Toni eines Morgens - wie der Klappentext uns schon verraten hat - als  Antonia auf, mit einem Neugeborenen auf ihrem Bauch. Und ist völlig überfordert. Sie kann sich nicht erklären, wie sie in dieses fremde Leben geraten konnte. In diesen spießigen Lebensentwurf, in dem sie mit ihrem Jugendfreund Adam verheiratet ist und in ihrem Heimatdorf in einem geordneten Haushalt lebt, wo alles seinen Platz hat. Echt übel!

 

Entsprechend wehrt sich Antonia mit Händen und Füßen gegen diese konservative Rolle, in die sie ungefragt hineingeworfen wurde: Ehefrau und Mutter. Sie hat keine Ahnung, wie sie mit Mann und Kind umgehen soll. Außerdem ist sie viel zu sehr mit sich und ihrem Körper beschäftigt, wie soll sie sich da auch noch um ein Kind kümmern?

Sie verweigert sich diesem neuen Leben.

 

Klar doch: Wochenbettdepression, was sonst? Damit wird Frau immer (noch) erschlagen, sobald sie nicht so funktioniert, wie allgemein erwartet. 

 

Was für erschöpfende Kämpfe die beiden Seelen ausfechten müssen, um sich in ihrer jeweiligen Situation zurechtzufinden und nach Auswegen zu suchen, ist der reinste Horror!   

Dieser Wettstreit zweier Lebensentwürfe las sich daher wie ein Psychothriller. Ich konnte das Buch kaum aus der Hand legen. Zumal man direkt im Kopf der beiden Protagonistinnen, die ja eigentlich ein und dieselbe Person sind, steckt. Antonia/Toni purzelt jeder Gedanke ungefiltert und schonungslos heraus. Das fand ich erfrischend echt. 

 

 

Obwohl ich einer Generation zuvor entspringe und die Mutter der Protagonistin(nen) sein könnte, konnte ich mich oft in beiderlei Emotionen und Gedanken hineinversetzen. Irgendwie scheint sich in 30 Jahren nicht wirklich viel verändert zu haben, was das selbstbestimmte Leben von Frauen anbelangt. Ich fand erstaunlich wenig Neues. Dafür viel Altbekanntes.

 

Einige gesellschaftlich geprägte Bilder scheinen nicht auszurotten zu sein. NEIN, ich meine nicht das glückliche Idyll von intakter Familie. Sondern dieses Klischee von Spießertum, sobald man bereit ist, eine Familie zu gründen. Warum eigentlich? Es ist doch die natürlichste Sache der Welt. Mit welchem Recht blicken Frauen, die für sich ein anderes Lebenskonzept gewählt haben, auf junge aufs Land gezogene Mütter herab? Wer lieber Karriere anstrebt und in einem hippen Loft in der Stadt leben will und zwar ohne Kinder: bitte schön, auch gut!

 

Kein Mensch sollte sich für seinen Lebensplan rechtfertigen müssen, auch nicht dafür, dass er womöglich gar keinen hat. Und doch passiert es immer wieder.

Kaum hast du einen Partner, wird gefragt: Und ...? Wann heiratet ihr?

Kaum hast du geheiratet, heißt es: Und ...? Wollt ihr Kinder?

Damit aber nicht genug. Kaum ist das erste Kind geboren, fragt garantiert irgendwer: Und ...? Wollt ihr noch ein zweites? Oder schlimmer: Und wann kommt das zweite?

Das erzeugt zwangsläufig Druck.

 

Ich fand solche Fragen bereits vor 30 Jahren voll daneben. Solange du Erwartungen erfüllst, ist alles schön und gut. Aber wehe, jemand verneint. Ich will nicht heiraten. Ich will keine Kinder. - Wie jetzt?

Das wird nicht so ohne weiteres hingenommen, das erfordert eine Rechtfertigung. Zumindest aber eine Begründung.

 

Es wundert mich wirklich, dass es immer noch so zu sein scheint. 

Von wem kommen solche Fragen? Wer stellt diese Erwartungshaltung auf?

Nein, es sind nicht die Männer! Es sind größtenteils Frauen, die ihre Geschlechtsgenossinnen damit in Bedrängnis bringen. 

 

Dieser außergewöhnliche Roman gibt viel zum Nachdenken mit auf den Weg. 

 

Schmunzeln musste ich auch des Öfteren.

Zum Beispiel als Toni überlegt, ob auf dem Lande zu wohnen nicht doch schön sein könnte: Diese Ruhe, die dort herrscht - höchstens mal der Rasenmäher des Nachbarn. Da musste ich herzhaft lachen!

Die Autorin scheint das Experiment Landleben noch nicht gemacht zu haben. Sonst wüsste sie, dass auf dem Land die Trecker morgens um 7 Uhr - auch am Wochenende! - ihre Runden drehen, der Hahn auf dem Mist kräht, die Hunde um die Wette kläffen; und ab 8 Uhr Laubbläser, Kärcher, Rasentrimmer & Co. der Nachbarn zum Einsatz kommen, oftmals gleichzeitig. So ein harmloser Rasenmäher, selbst falls es ein Benziner sein sollte, geht bei dem Lärm fast unter.

 

Auch was das Mutter-Kind-Thema anbelangt, scheint Anne Sauer nicht über eigene Erfahrungen zu verfügen. Sonst wüsste sie, dass man nicht innerhalb einer kurzen Autofahrt für Tage im Voraus (!) Milch abpumpen kann. Oder dass ein Kind, das gerade erst sitzen kann (also zwischen 5 bis 7 Monate alt ist) die erste feinpürierte Breimahlzeit zu sich nimmt und nicht im Hotelrestaurant mit Brokkoli und Farfalle - im Ganzen! - gefüttert werden kann. Da hätten die beratenden Muttis aus der Danksagung aber auch drauf achten können. 

 

Geschenkt! Der Roman ist nicht nur thematisch außergewöhnlich und nachhaltig. Auch der Schreibstil hat mich total mitgerissen. Er war herrlich direkt aus dem Gehirnkasten einer Dreißigerin. 

Danke, Anne Sauer!