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Mögen Sie "Historische Romane"?

Mögen Sie "Historische Romane"?

Ich nicht! Oder sagen wir: nur sehr bedingt. Es kommt darauf an.

Ob sie gut geschrieben sind. Ob sie gut recherchiert sind. Ob sie mehr als bloße Unterhaltung im historischen Gewand sind.

Die historischen Romane, die einem heute in Massen angepriesen werden, reizen mich jedenfalls nicht.

 

Dahingegen die altehrwürdigen schon - siehe weiter unten: "Historische Romane - früher".

Auch ein paar modernere stehen in meinem Bücherschrank. Sei es, weil mich die Themen interessierten wie in "Miss Emily Paxton" von Peter Prange, in dem es um den Bau des Kristallpalasts zur ersten Weltausstellung in London geht.  Oder weil darin bekannte Persönlichkeiten und deren gesellschaftlicher Hintergrund beleuchtet werden, wie in "Die Frau im grünen Kleid" von Stephanie Cowell, ein Künstlerroman über den Impressionisten Claude Monet.

 

Bei der Suche nach den "besten" historischen Romanen rate ich jedoch zur Vorsicht, denn meist sind damit nur die "meist verkauften" gemeint.

 

In welchem Genre schreibe ich?

Nachdem ich 2010 bei einem leider nicht mehr existierenden Verlagsdienstleister meinen ersten Buchvertrag unterschrieben hatte – damals noch auf mehreren Papierseiten in doppelter Ausfertigung mit Originalunterschriften –, sollte ich Angaben zu den Meta-Daten machen.

Meta-Daten sind Informationen zu Büchern wie Buchtitel, Genre bzw. Kategorie, Klappentext, Seitenzahl usw.

 

In der Ergänzung zum Buchvertrag wurde ich also erstmalig nach dem Genre gefragt, in dem mein Buch eingeordnet werden soll –  also ob Krimi, Fantasy oder Liebesroman,  um nur die gängigsten zu nennen. Mit diesen Etiketten hat der Leser es leichter, sich in einer Buchhandlung zu orientieren und Bücher entsprechend seiner Interessenslage zu finden.

Dazu bekam ich eine lange Liste zum Ankeuzen.

 

Tja, und damit hatte ich schon das erste Problem an der Hacke.

Denn das Genre „Familiensaga“ (auch Familienroman oder Generationenroman), wie es klar und deutlich auf den Umschlägen meiner 7-bändigen Nicolae-Saga steht, sah diese Liste nicht vor. Auch auf anderen Plattformen, die ich inzwischen zum Veröffentlichen meiner Romanreihe nutze, war dieses Genre nicht wählbar, höchstens als Unterkategorie. Dabei ist es nicht erst seit Thomas Manns „Buddenbrooks“ populär.

 

Also war ich gezwungen, ein der Nicolae-Saga am nächsten kommendes Genre zu wählen, und das war der „historische Roman“. Wäre ja eigentlich ganz in Ordnung, schließlich ist die Handlungszeit meiner Romanreihe das 19. Jahrhundert, um genau zu sein: die viktorianische Epoche. Nur leider sträubt sich mir bei diesem Genre so ziemlich alles.

 

Warum? Weil der historische Roman längst nicht mehr ist, was er eigentlich mal war.

 

Der historische Roman - früher

Früher – ich bin schon etwas älter, darum darf ich getrost von „früher“ sprechen – hatte ein historischer Roman ein bedeutsames Ereignis oder eine große Persönlichkeit einer bestimmten Epoche zum Thema; es ging darin um berühmte Erfinder, Forscher und Entdecker, Künstler, Könige und Kriegsherren. Damals hatten Autoren historischer Romane noch den Anspruch, so authentisch wie möglich die jeweilige Epoche zu beschreiben; natürlich mit einer erfundenen Story drum herum. Aber diese nur als Kitt, um dem Leser einen bestimmten Abschnitt der Geschichte unterhaltsam näherzubringen. Siehe dazu auch das Kapitel "Die Epoche, in der ich mich zu Hause fühle" in meinen letzten Blogbeitrag.

 

Mittlerweile aber ist der „Kitt“ immer mehr hervorgequollen und lässt das Historische zur reinen Kulisse verkommen. Dadurch lässt das Niveau leider ziemlich zu wünschen übrig. Dachte ich damals an historische Romane, fielen mir als erstes der wunderbare Napoleon-Roman „Desiree“ von Annemarie Selinko ein, „Krieg und Frieden“ von Leo Tolstoi oder „Der Name der Rose" von Umberto Eco. Oder wer erinnert sich nicht an "Sinuhe, der Ägypter" von Mika Waltari? Diese hatten noch ein tiefgehendes Thema und haben uns die jeweiligen Hintergründe und Zusammenhänge ihrer Zeit nähergebracht.

 

Der historische Roman - heute

Denke ich heute an historische Romane, habe ich eine kaum voneinander zu unterscheidende Masse an Büchern vor Augen, vollgepackt mit den üblichen Intrigen an herrschaftlichen Höfen und einer ordentlichen Portion Sex; alternativ eine leichte Liebesgeschichte mit Attributen aus der ewig gleichen Personal- und Kostümschublade. Sorry, aber eine kräuterkundige Rothaarige und ein Scheiterhaufen machen eben noch keinen Mittelalterroman; ebenso wenig wie Sonnenschirmchen und Zylinderhut als Ausstattung für das 19. Jahrhundert ausreichen.

 

Geht nur mir das so, oder erinnern Sie die Cover der heutigen historischen Romane auch an die früheren Titelblätter von Groschenroman-Heftchen?

Frau im historischen Gewand von hinten vor Schloss, Villa, Luxusdampfer oder, ganz romantisch: mitten im Lavendelfeld; neuerdings auch gern im Seitenprofil vor Stadtsilhouette, berühmten Warenhaus, Cafe oder Hotel.

Vom nach Schema F geschriebenen Inhalt will ich lieber gar nicht erst reden.

 

Das eigentlich Schlimme daran ist, dass dies absolut gewollt ist – jawohl! Denn angeblich gibt es eine große Nachfrage nach solchen Büchern und die Verlage bedienen sie. So einfach ist das. Was nicht weiter verwerflich wäre, wenn … ja wenn wenigstens ab und zu noch Platz für etwas anderes da wäre; Platz für Bücher jenseits des üblichen Einheitsbreis.

Aber der wenige übrig gebliebene Platz ist bereits reserviert für Promi-Autoren – verkaufen sich eh wie von selbst, egal was oder wie sie schreiben – oder international bekannte Größen. So ein Ken Follett ist halt 'ne Bank.

 

Die Ehrenretter

Nachdem ich mich nun so despektierlich über die heutigen historischen Romane ausgelassen habe, möchte ich etwas zur Ehrenrettung dieses Genres sagen. Denn natürlich gibt es sie noch, die jenseits der Trivialliteratur hervorragend recherchierten und geschriebenen historischen Romane. Nur stehen sie leider selten auf Bestsellerlisten.

 

Auf denen befinden sich dafür zuweilen welche, die dort allein vom Genre her nicht hingehören. Klassische Literatur wie "Stolz und Vorurteil" von Jane Austen ist KEIN historischer Roman, auch wenn er aus unserer heutigen Sicht historisch anmutet. Denn die Autorin hat die Zeit, in der ihr Roman spielt, selbst miterlebt - und damit ist das Kriterium für einen historischen Roman nicht erfüllt.

 

Bestandteile der Nicolae-Saga

Nun ist also meine Nicolae-Saga im Genre "Historischer Roman" gelandet - und fühlt sich dort eigentlich gar nicht wohl. Zwar geht es in der Romanreihe auch um unglückliche Liebe und heimliche Sehnsüchte, um politische und gesellschaftliche Intrigen, ja, sogar Krieg, Gewalt und Missbrauch kommen darin vor – denn all das gehört zum Menschentum leider dazu.

 

Aber im Vordergrund stehen die Beziehungen der Familienmitglieder untereinander. Es geht um Familiengeheimnisse, Familienkonflikte und das große Thema Erblast.  Um Nicolaes  Verlangen nach Selbstbestimmung und die damit einhergehende Frage nach Schuld. Und um das Erwachsenwerden in einer turbulenten, von Fortschritt überollten Zeit, in der die Menschen verzweifelt nach Orientierung suchten und oft genug dabei auf Abwege gerieten. Themen die immer aktuell bleiben werden und von unterschiedlichen Generationen ebenso unterschiedlich bewertet werden.

 

Meine Nicolae-Saga ist ein Familienroman/Gesellschaftsroman und damit natürlich in gewisser Hinsicht historisch, allein weil die Handlungszeit dies vorgibt.  Darüber hinaus beinhaltet sie mystische Elemente, weswegen der aus dem angelsächsischen entliehene Begriff „Mystery“ durchaus passend wäre.

 

Tabu Genre-mix

Leider ist so ein Genre-Mix hierzulande ein Tabu. Abgesehen vom historischen Krimi, der sich längst etabliert und sogar ein eigenes Regal bekommen hat!

 

Seltsam nur, dass erfolgreiche Netflix-Serien mit Genre-Mix gut funktionieren: Historisches gepaart mit Science-Fiction, Fantasy oder Mystery ist derzeit absolut beliebt. Wer solche Serien mag, wird auch solche Romane mögen. Und das scheinen viele zu sein, sonst würde Netflix keine Genre-Mix-Serien produzieren.

 

Nachfrage und eine „Zielgruppe“ wären  also vorhanden. Aber dazu müsste unser Verlagswesen aus seinem festgezurrten Korsett ausbrechen, sich öffnen für Neues, mal etwas wagen. Denn ja, neben 0815 gibt es noch so viel mehr. Die Welt der Bücher ist bunt! Oder sollte es zumindest sein.